Wo finden Schüler und Eltern Hilfe, wenn es um das Thema ADHS geht? Was ist überhaupt eine ADHS Therapie?  Und wie können sich Fachkräfte aus Schule und Kindergarten fortbilden? In meinen Beratungen erlebe ich immer wieder Eltern, die wissen möchten, ob ihr Kind möglicherweise eine AD(H)S haben könnte. Die Unsicherheit ist oft sehr groß und auch die Suche im Internet hilft nicht immer weiter. Ich habe mich mit Lerntherapeutin und ADHS Expertin Jeannine Hohmann getroffen.

„ADHS betrifft das ganze System“ sagt Jeannine Hohmann

Unser Treffen war mit einer Reise quer durch Deutschland verbunden, ein echtes Nord-Süd-Treffen. Wir wohnen 800 km voneinander entfernt, haben jedoch ähnliche Visionen, Ziele und sind aus Leidenschaft Lerntherapeuten. Während meines Pfingsturlaubs an der Ostsee nahm ich mir einen Tag Auszeit und hatte neben einem phantastischen Blick auf den „Großen Segeberger See“ einen spannenden Nachmittag mit Gesprächen rund ums Lernen, der Suche nach der richtigen Unterstützung für Schüler und der Erkenntnis, dass dass Wissen um LRS, Rechenschwäche und AD(H)S noch viel stärker in die Öffentlichkeit getragen werden sollte.

Jeannine aus Elmshorm ist Lerntherapeutin mit dem Schwerpunkt AD(H)S, staatlich anerkannte Erzieherin und Referentin für die Qualifizierung der Schulassistenten in Schleswig-Holstein. Neben individueller Förderung für Schüler, bietet sie verschiedene Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte an.

 

AD(H)S und nun? Meine 5 Fragen an Jeannine

1. Warum ist es so spannend als Lerntherapeutin zu arbeiten?

Der Beruf der Lerntherapeutin ist mehr als nur ein Beruf. Er ist eine Berufung und erfordert die Bereitschaft zur Persönlichkeitsentwicklung. Außerdem beinhaltet die Arbeit als Lerntherapeutin die Verknüpfung unterschiedlichster Professionen. Das damit vorhandene Fachwissen ermöglicht somit das systemisch-, lösungs-und ressourcenorientierte Arbeiten.

Ich liebe meine Arbeit als Lerntherapeutin, denn die Gestaltung und die Umsetzung der Förderung erfordern Kreativität, Methodenvielfalt, Freude am Spielen, Experimentieren und den unermüdlichen Einsatz für das Gelingen. Wer als Lerntherapeutin viel lernen möchte, kann aus dem unendlichen Fundus der Fachthemen profitieren.
Mein Motto: “Lerntherapie ist eine Berufung, du bist deine “Lerntherapeutische Arbeit” und genau das macht es so spannend, Lerntherapeutin zu sein!”

2. Welche Tipps kannst du Eltern an die Hand geben, wenn die Diagnose AD(H)S im Raum steht?

  1. Bewahren Sie Ruhe und suchen sie Austausch mit anderen Eltern, deren Kinder betroffen sind (Hinweis: der Link führt zu ADHS Deutschland mit wertvollen Tipps, Hintergrundwissen und Selbsthilfegruppen). Denn niemand ist mit einer AD(H)S alleine.
  2.  Informieren Sie sich umfangreich über die Symptome, Ursachen und der Möglichkeit einer ADHS Therapie
  3. Kontaktieren sie einen integrativen Lerntherapeuten, der mit ihnen gemeinsam die Situation analysiert und Tipps gibt, welche Schritte jetzt wirklich wichtig sind.

Wenn die Diagnose AD(H)S im Raum steht, dann ist oft der erste Gedanke: Muss mein Kind jetzt Medikamente nehmen? Was weniger bekannt ist, dass Lerntherapeuten auch fundiertes Wissen über AD(H)S haben (in den meisten Ausbildungen ist das fester Bestandteil) und damit Schüler mit Aufmerksamkeitsschwierigkeiten und Problemen mit der Implussteuerung individuell unterstützen und begleiten können. Jeannine beschreibt, wie solch eine Unterstützung bei ihr genau aussieht.

3. Wie sieht eine lerntherapeutische Unterstützung mit dem Schwerpunkt ADHS aus?

Bevor die lerntherapeutische Förderung beginnt, ist eine genaue Analyse wichtig. Ich schau mir an, aus welchen Gründen ein Schüler z.B. impulsiv oder unaufmerksam ist. Außerdem ist eine Unterstützung immer ganzheitlich aufgebaut. Neben dem Schüler wird auch das Umfeld mit einbezogen. Mit Umfeld ist die Schule und das Elternhaus gemeint. Eine enge Zusammenarbeit ist sehr wichtig.

Bestandteil einer ADHS Therapie sind folgende Kernbereiche

  • Strukturierung der Aufgaben: Kinder lernen Strategien kennen, die ihnen helfen strukturiert und mit Plan vorzugehen
  • Strukturierung des Raumes (des Arbeitsplatzes)
  • Aufmerksamkeitsfokussierung
  • spielerische Förderung der exekutiven Funktionen (Impulssteuerung, kognitive Flexibilität und Arbeitsgedächtnis)
  • Erreichte Erfolge werden durch Belohnungs-und Rückmeldesysteme bewusst gemacht
  • Steigerung des Selbstwertgefühls

Jedes Kind und das dazugehörige System (Familie, Schule etc.) wird dabei ganz individuell begleitet.

4. Warum sind multiprofessionelle Teams in Kindergärten oder Schulen so wichtig?

In multiprofessionellen Teams befinden sich Professionen unterschiedlichster Fachbereiche, die sich wunderbar ergänzen. Dort wo das Fachwissen des Einen endet, beginnt das Fachwissen des Anderen. Die verschiedenen Sichtweisen und damit Perspektiven helfen die Beobachtungen besser einzuschätzen und den Schüler gezielter zu unterstützen. Der Vorteil meiner Meinung nach ist, dass dadurch schneller und effizienter gehandelt werden kann. Außerdem wird in multiprofessionellen Teams die Arbeitsbelastung der pädagogischen Fachkräfte reduziert und Inklusion kann somit besser gelingen. Meine Vision ist es, dass in jeder Institution, Einrichtung oder auch Schule ein ADHS-Experte arbeiten sollte. Denn ADHS betrifft alle Pädagogen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. ADHS darf einfach kein Tabu-Thema sein.

„ADHS betrifft alle Pädagogen. Es darf kein Tabu-Thema sein!“

5. Beschreibe dich mit 5 Worten

neugierig, fröhlich, optimistisch, sensibel, kritisch

Anmerkung von Susanne: Genau so habe ich Jeannine kennengelernt und und möchte eins noch ergänzen: Jeannine setzt sich unermüdlich für die Belange der Schüler mit Lernschwierigkeiten ein und sprudelt nur so von Ideen – was daraus entstanden ist? Lies weiter.

6. Was sind deine nächsten Projekte?

Meine nächsten beruflichen Projekte umfassen den strukturellen Ausbau meiner Praxis Institut Lernen, die Umsetzung und viralen 🙂 Verbreitung meiner Weiterbildung ADHS-Expert:in sowie die Entwicklung unseres gemeinsamen Podcasts “Systemstärker”. Unter dem Motto: erkennen, anwenden, wachsen wirst du in den nächsten Wochen regelmäßig Tipps, Anregungen und Erfahrungen aus unser Arbeit direkt „ins Ohr“ bekommen.

 

Vielen lieben Dank Jeannine für das Interview und den wunderbaren Einblick in deine Arbeit.

Jeannine bloggt regelmäßig zu AD(H)S-spezifischen Themen. Schaut gerne mal bei ihr vorbei. Für Fachkräfte bietet sie außerdem eine Möglichkeit des Austauschs in ihrer Facebook-Gruppe. Dort können alle Fragen zur ADHS Therapie oder zu ihren Fortbildungen gestellt werden.

Möchtest du einen weiteren Einblick in die Arbeit eines Lerntherapeuten, dann schau gerne bei „Ein Blick hinter die Kulissen – Lerntherapie in der Praxis“ vorbei. Lerntherapie ist vielfältig und immer sehr individuell.

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Ausblick: Dein Podcast – erkennen – anwenden – wachsen 

Podcast? Vielleicht hast du das Interview aufmerksam gelesen und erfahren, dass Jeannine und ich einen Podcast planen. In unserem Podcast geht es um alle Themen Rund ums Lernen. Abonniere gerne meinen Newsletter, dann erfährst du als erster, wenn wir starten und bekommst außerdem wöchentlich Tipps rund ums Lernen.

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Ja, ich freue mich drauf

 

Quellen

  • ADHS-Deutschland – Home
  • Walk und Evers: „Förderung exekutiver Funktionen: Wissenschaft, Praxis, Förderspiele“, 2013

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