Oft werde ich gefragt, wie wird überhaupt eine Dyskalkulie (auch Rechenschwäche oder Rechenstörung genannt) festgestellt? Wo wird eine Dyskalkulie Diagnostik durchgeführt? An wen muss ich mich wenden, wer kann mir helfen? Muss ich dafür etwas zahlen?

Es gibt für Eltern verschiedene Anlaufstellen. Sie wissen aufgrund der Vielfalt der Möglichkeiten nicht wohin? Oder bei Ihnen gibt es überhaupt keine Möglichkeit? Dann gebe ich die folgenden Tipps gerne weiter:

Dyskalkulie Diagnostik – wozu?

Komische Frage? Aber sehr relevant. Brauchen Sie einen Nachweis für die Schule (es gibt leider nur wenige Bundesländer, die Regelungen für einen schulischen Nachteilsausgleich oder Förderunterricht haben)? Oder möchten Sie versuchen, eine Kostenübernahme für eine Lerntherapie zu beantragen? Sie möchten einfach nur Gewissheit haben, wo Ihr Kind im mathematischen Haus stehengeblieben ist und wo Sie sinnvolle Unterstützung finden?

Medizinische Dyskalkulie Diagnostik

Eine medizinische Diagnostik nach ICD-10 (Liste medizinischer Klassifizierungen der Weltgesundheitsorganisation) wird von Ärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und/oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten gestellt.

Sie beinhaltet mehrere standardisierte Tests, u.a. einen Rechentest und einen Intelligenztest. Dabei ist es wichtig, dass die Abweichung der Rechenleistung von der Intelligenz groß genug ist (das ist das sog. Diskrepanzkriterium). Wenn diese Abweichung zwischen IQ und Rechenleistung nicht groß genug ist, wurden Kinder bisher nicht als rechenschwach angesehen.

Gott sei Dank nimmt man immer mehr Abstand von dieser Form der Diagnose.

Eine medizinische Diagnostik ist zwingend nötig, wenn Sie die Kostenübernahme der Lerntherapie nach SGB VIII §35 a (Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche) beantragen möchten. Die Erfolgsaussichten sind leider nicht so groß.

Wer zahlt die Diagnostik?

Apropos Kosten: Eine Dyskalkulie Diagnostik ist Kassenleistung. 

Falls jedoch ein ausführliches medizinisches Gutachten benötigt wird, dann kann dies kostenpflichtig sein. Da die Regelungen jedoch nicht einheitlich sind, fragen Sie am besten immer vorher beim jeweiligen Arzt nach. 

Dieses Gutachten gibt ausführliche Einblicke in die durchgeführte Diagnostik. Bitten Sie auch darum, dass Hinweise für weitere (schulische) Hilfen, wie Zeitzuschlag oder das Verwenden von bestimmten Hilfsmitteln (z.B. Dienes Material) im Gutachten aufgeführt werden. 

Förderdiagnostik – wie rechnet das Kind?

Auch wenn eine offizielle ärztliche Diagnostik nach ICD-10 schon vorliegt, empfehle ich immer zusätzlich eine Förderdiagnostik durchzuführen. Sie erfahren dadurch, wie das Kind rechnet. Je nach Testverfahren, welches in der medizinischen Diagnostik verwendet wurde, bekommt man oft nur einen Punktwert, der das Kind im Alters- oder Klassenvergleich einstuft. Man weiß dann, dass bei einem Prozentrang von 10 (PR 10) im Rechentest 90 % der Kinder besser rechnen können. Was dann aber noch fehlt, sind die genauen Rechenschwierigkeiten. In welcher Etage vom mathematischen Haus ist das Kind stehengelassen worden? 

Wo liegen die Ursachen der Rechenschwäche? Hat das Kind Schwierigkeiten beim Zahl- und Rechenverständnis? Die Förderdiagnostik ist der Schlüssel zu einer sinnvollen Förderung.

Die Stärken Deines Kindes in Fokus stellen!

Förderdiagnostik stellt auch heraus, was Ihr Kind schon kann!

Diese Stärken sind enorm wichtig, um den Fokus nicht nur auf die Rechenschwäche zu legen. Die Förderung baut somit auf dem auf, was das Kind schon kann und richtet den Blick nicht primär auf die Lücken.

Eine Dyskalkulie Diagnostik sollte als Chance genutzt werden, um dem Kind gezielt zu helfen. Es ist nichts, was als „Stigma“ gesehen werden sollte. Man kann davon ausgehen, dass ca. 3-8% der Kinder von einer Rechenstörung betroffen sein können. Pro Klasse sind das ein bis zwei Kinder.

Wenn Sie und das Umfeld den Fokus auf die Stärken lenken, wird Ihr Kind lernen, mit seiner Rechenschwäche umzugehen und auch erste Erfolgserlebnisse haben. 

Wichtig:

Eine Dyskalkulie liegt vor, wenn 

  • der IQ über 70 liegt,
  • eine große Abweichung zwischen IQ und Matheleistung vorliegt,
  • die mathematische Leistung im Altersvergleich im unteren Bereich liegt und
  • die Abweichung nicht aufgrund mangelnden Unterrichts oder infolge einer Krankheit verursacht ist.

Weitere Informationen können Sie auch in der aktuellen „S3-Leitlinie: Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung“ nachlesen (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP)).