Hat mein Kind eine Dyskalkulie? Stellen Sie sich diese Frage auch? Oder sind Sie Lehrer und fragen sich, ob ein Kind aus Ihrer Klasse eine Rechenschwäche hat. Falls ja, möchte ich Ihnen anbei ein paar Tipps und Hilfestellungen auf den Weg geben. Vorab möchten ich Ihnen einen kurzen Einblick in den Alltag eines Kindes mit Rechenschwierigkeiten geben.

Kim, 9 Jahre alt, sitzt am Nachmittag an ihren Hausaufgaben. Sie ist zügig fertig, wäre da nicht das unbeliebte Fach Mathe. Sie ist schon beim Anblick der Aufgaben verzweifelt. Ihre Mutter versucht sie zu motivieren und geht mit ihr Aufgabe für Aufgabe durch. Sie sitzen den ganzen Nachmittag an den Mathehausaufgaben und klappen nach mehreren Stunden erschöpft das Buch zu. Kims Mutter ist sehr bemüht und versucht, geduldig ihrer Tochter zu helfen, skizziert Lösungen, malt Bilder, erklärt alles nochmal von vorne. Auch die Lehrerin empfiehlt mehr zu üben, damit der Knoten endlich platzt. Kennen Sie diese Situation?

Wenn der Knoten platzt . . . oder nicht!

Wenn ein Kind eine Rechenschwäche/Dyskalkulie hat, platzt der Knoten nicht von selbst. Viel üben ist sogar kontraproduktiv, weil das Kind vermutlich das Falsche übt. Es arbeitet bis zur Erschöpfung, merkt, dass es die Aufgaben nicht versteht, versucht noch mehr zu üben und fühlt sich als Versager. Der Gedanken “Mathe lern ich nie!” setzt sich fest. Das Kind kommt da nicht mehr raus, ein Teufelskreis beginnt und das kann sich auf alle Fächer übertragen!
Wie finde ich heraus, ob mein Kind eine Dyskalkulie hat? Was kann ich als Eltern tun, welche Anzeichen oder Alarmsignale gibt es? Wie kann ich als Lehrer unterstützen? Wann muss ich reagieren? Treffen einzelne Anzeichen zu, ist das kein Grund besorgt zu sein. Jedes Kind hat ein individuelles Lerntempo.

Zeigen sich jedoch mehrere Auffälligkeiten, lohnt sich ein genaues Hinschauen.

Dyskalkulie, ja oder nein?

Bereits im Vorschulalter können sich erste Anzeichen zeigen

• Schwierigkeiten beim Mengenvergleich (mehr/weniger)
• Schätzen einer kleinen Menge gelingt nicht
• Das Abzählen von Gegenständen fällt schwer
• Fehler beim Zählen (lässt z.B. eine Zahl aus)
• Würfelbilder werden nicht erkannt (Punkte werden immer wieder abgezählt)

In der Schule zeigen sich möglicherweise folgende Ausfälligkeiten

• Probleme beim Zählen (keine 1:1 Zuordnung) und der Zählprozess (vorwärts/rückwärts, Zählen in Schritten, weiterzählen ab Zahl x)
• Aufgaben wie 20-19 werden zählend gelöst
• Dezimale Analogien werden nicht genutzt (3+4 und 13+4)
• Tausch- Nachbar und Umkehraufgaben werden nicht erkannt (4+3=7 und 7-3=4 oder 7+7 und 7+8)
• Verrechnen um 1
• Rechenarten werden nicht verstanden und verwechselt
• Die Bedeutung der Null als Ziffer und Zahl ist unklar
• Probleme mit Platzhalteraufgaben
• Schwierigkeiten mit dem Stellenwertsystem (Vertauschen von Zehnern und Einern, Kippfehler Beispiel 15-8=13 (8-5=3 wird gerechnet)
• Textaufgaben sind unverständlich
• Einmalseins Aufgaben werden auswendig gelernt (Reihen werden hochgezählt bzw. als Zahlenreihe gesehen und nicht als vereinfachte      Addition), Zusammenhang zwischen Multiplikation und Division wird nicht verstanden
• Mühsam Erlerntes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen, da ohne Verständnis auswendig gelernt (z.B. Einmaleins)

Gratis Download Beobachtungsbogen Anzeichen Rechenschwäche

Hier können Sie auf Basis der oben genannten Anzeichen einen Beobachtungsbogen gratis herunterladen

 

Das mathematische Haus

Warum Üben nichts bringt? Die Motivation von Kim und ihrer Mutter sind nachvollziehbar, der Druck in der Schule ist groß. Kim möchte auch gute Noten haben. Da ihre Mutter helfen will, üben beide Tag für Tag und der Frust wird immer größer. Das Problem: Kim übt den Schulstoff, dabei fehlen ihr die Grundlagen. Das ist so, als wenn beim Haus das Fundament fehlt. Es stürzt dann regelrecht ein.
Das Fundament, ein sicheres Zahlen- und Mengenverständnis, ist nicht da! Ohne die Grundlagen kann man aber nichts aufbauen.
Mathematik lernen kann man mit dem Bau eines Hauses vergleichen. Erkennt man die Rechenschwäche frühzeitig, kann mittels Förderdiagnostik die Etage gesucht werden, in der das Kind stehengelassen wurde. Erst mit einem sicheren Fundament kann das mathematische Haus entstehen und weiter gebaut werden. Dann klappt es irgendwann auch mit dem Schulstoff!

Die Einmaleins-Reihen nur auswendig gelernt

Um Ihnen ein Beispiel zu nennen. Wenn ich kein Verständnis von Verdoppeln oder Halbieren habe, werde ich das Einmaleins nur auswendig lernen, aber die Beziehungen der Aufgaben untereinander nicht verstehen. Ich verstehe dann nicht, dass ich bei 6×7, die Aufgabe 3×7 zu Hilfe nehmen kann. Denn 6×7 ist genau das Doppelte von 3×7. Ich kann mir auch nicht 9×6 von 10×6 ableiten. Das Kind zählt die Reihen hoch, lernt diese intensiv, kommt aber irgendwann an einen Punkt, wo es alles leider wieder vergessen hat. Frustrierend auf allen Seiten!

Dyskalkulie bei Kindern erkennen und richtig üben!

Aber was ist richtiges Üben, wie können Sie Ihrem Kind helfen? Der erste Schritt: Die Dyskalkulie erkennen!
Die Förderung Ihres Kindes muss dann da ansetzen, wo das Kind steht. Erstmal völlig losgelöst vom Schulstoff. Durch einen ganz persönlichen Förderplan werden mathematische Grundlagen erarbeitet, Ihr Kind wird außerdem emotional gestärkt und bekommt Strategien, um mit seiner Rechenschwäche besser umzugehen. Sie als Eltern sollten bei einer guten Förderung immer mit einbezogen werden und Tipps für die häusliche Förderung kriegen. Auch der Lehrer gehört ins Boot, um dem Kind schulisch den Rücken zu stärken.

Nicht alle Kinder laufen im Gleichschritt

Denken wir nochmal an Kim. Wenn wir die Rechenschwäche erkennen und anfangen, uns an ihrem Wissen zu orientieren, merkt sie schnell, dass es sich lohnt, sich mit Mathematik zu beschäftigen. Sie hat kleine Erfolgserlebnisse, das motiviert weiterzumachen. Nicht alle Kinder laufen im Gleichschritt, einige Kinder benötigen länger. Und diesen zusätzlichen zeitlichen Rahmen müssen wir diesen Kindern geben und sie in dem stärken, worin sie gut sind.
Je früher die Dyskalkulie erkannt wird, desto eher wird dem Kind geholfen! Oft wird erst in Klasse 3 oder später erkannt, dass das Kind im mathematischen Haus stehengeblieben ist. Wertvolle Zeit ist vergangen. Wenn Sie wissen, wie Sie Ihr Kind unterstützen können, wird sich die häusliche Situation entspannen und die Hausaufgaben sind kein Drama mehr. Vielleicht macht Mathe auch irgendwann wieder Spaß!

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