Immer wieder rufen mich verzweifelte Eltern an, deren Kinder schon in höheren Jahrgangstufen sind und bei einer LRS oder Dyskalkulie dringend Unterstützung brauchen. Die Schule hat diese Schüler manchmal schon aufgegeben. Um Mut zu machen, berichte ich von einem Schüler, den ich von der 8.Klasse bis zur Hauptschulprüfung (Klasse 9) begleitet habe. Eine  Erfolgsgeschichte mit Dyskalkulie!

Emils Erfolgsgeschichte Dyskalkulie beginnt – Mai 2019

Emil (Name geändert), 15 Jahre alt kam Anfang Mai 2019 mit seinen Eltern zu mir. Die Versetzung in Klasse 9 war gefährdet – aufgrund seiner sehr schlechten Leistungen in Mathe. Aber Emil war nicht faul, er hat eine Dyskalkulie (Rechenschwäche).

Das Schuljahr in Baden-Württemberg endet immer Ende Juli. Mir war von Anfang an klar, es geht nicht nur um schnelle Ergebnisse (in die nächste Klasse kommen), sondern auch um eine Begleitung des Jungen, seiner Eltern und die Suche nach Lösungen, wie er möglichst im August 2020 seinen Abschluss in der Tasche hat. Emils großes Ziel war es im September 2020 eine Ausbildung zu beginnen.

Emil ist ein Schaffer, wie man hier im Schwäbischen sagen würde. Er arbeitet am Wochenende freiwillig in der Landwirtschaft, macht in den Ferien  Praktika und arbeitet am liebsten draußen in der Natur. In der Schule leidet er unter seiner Rechenschwäche. Mathe fällt ihm schwer und die Schule hatte zwar einen Nachteilsausgleich festgelegt, dieser wurde aber nicht umgesetzt. So kommt die Familie völlig verzweifelt zu mir und hofft durch meine Unterstützung das Schuljahr doch noch zu schaffen.

Es gibt eine reelle Chance, aber die Zeit war einfach zu knapp und die Schule leider wenig kooperativ. Im Gespräch mit dem Rektor und den Eltern erlebe ich eine Schule, die sich nach außen hin gut präsentiert, aber den Jungen lieber loswerden möchte als ihn weiter zu unterstützen. Es wird nach Schwächen gesucht und nicht seine Stärken gefördert.

Es gibt in jeder Klasse rein statistisch gesehen 1-2 Kinder mit einer Dyskalkulie, genauso viele mit einer Legasthenie. Emil ist damit kein Einzelfall. Allerdings erlebe ich in meiner Arbeit als Lerntherapeutin immer wieder Schulen, die sich mit einer Dyskalkulie wenig bis gar nicht auskennen. Oft quält sich ein Schüler jahrelang in Mathematik und entwickelt massiven Schulfrust, bis man feststellt, dass er große Lücken in den Basiskompetenzen der Mathematik hat. Der Weg zur Diagnostik ist oft sehr mühsam und leider oft auch recht spät. Wertvolle Jahre der frühen Förderung gehen verloren.

Wo geht die Reise hin – Juli 2019

Emil möchte definitiv nicht die 8. Klasse wiederholen, das würde für ihn bedeuten, noch ein Jahr Schule, noch mehr Quälerei, neue Lehrer, ein neuer Klassenverbund und sein großes Ziel endlich eine Ausbildung zu beginnen, würde in weite Ferne rücken.

Schüler in BW, die auf einer Realschule sind und das Klassenziel nicht erreichen, müssen nicht sitzenbleiben. Sie haben die Möglichkeit auf dem G-Niveau (Grundniveau) beschult zu werden. Da Emil in dieser Schule jedoch der einzige wäre und die Schule den Aufwand nicht stemmen kann, wechselt er im Sommer 2019 die Schule.

Viel Hoffnung, aber auch viele Fragezeichen begleiten die Familie die ersten Wochen an der neuen Schule. Wird er sich einleben, wird die Schule – wie mit dem Rektor vor den Sommerferien besprochen- auf seine Rechenschwäche Rücksicht nehmen. Wird er gut ankommen?

Ein chaotischer Start in der neuen Schule – September 2019 – Klasse 9

Der Start läuft leider überhaupt nicht gut! Die Mathelehrerin ist extrem bemüht, aber wie sie selbst schildert, hatte sie solch einen schweren Fall noch nie. Wie soll sie ihn bloß durch die Prüfung bekommen, „er kann ja gar nichts“ waren ihre Worte am Telefon. Wie gut, dass sie heute ein Jahr später drüber lächeln kann.

Natürlich kann Emil etwas, er kann ganz viel, seine Stärken sind im technischen Bereich. Er ist fleißig, motiviert und macht nebenher seinen Traktor und Moped Führerschein.

Eine Reihe an Maßnahmen wird eingeleitet. Die Schule versucht ihr Bestes. Gleichzeitig berichtet mir die Lehrerin, dass sie mit einer Dyskalkulie in der Abschlussklasse (Klasse 9) leider keine Erfahrung hat. Es folgen viele Telefonate mit ihr und auch ein Gespräch mit den Eltern und dem Rektor vor Ort. Die Schule wendet sich ans Schulamt, da sie unsicher ist, was in diesem Fall zu tun sei. Die Familie bekommt den Eindruck, Emil sei ein Einzelfall.

Ein Grundschulbuch soll unterstützen!? – Oktober 2019

Kurz nach Schuljahresbeginn bekommt Emil von der pädagogischen Mitarbeitern eine wöchentliche Förderstunde. Es wird ein Mathebuch aus Klasse 3 gesucht und ihm mitgegeben, damit solle er jeden Tag eine Seite üben. Für Emil und die Familie wirkt das wenig motivierend. Mit einem Grundschulbuch soll er jetzt daheim üben, er möchte doch jetzt die 9.Klasse schaffen. Emil fühlt sich im Stich gelassen, das Grundschulbuch wirkt wenig ansprechend und zeigt ihm, wie wenig er doch kann. Die Schule ist bemüht. Ich spüre aber, dass man bei Emil überfragt ist.

Durchatmen! So gerne würde das die Familie und zur Ruhe kommen, aber die ersten Wochen sind so turbulent.

Nach dem ersten Telefonat mit der Lehrerin bin ich unsicher, ob die neue Schule wirklich die Unterstützung geben kann, die Emil benötigt. Es folgen weitere Telefonate und ich erkläre der Lehrerin, dass es für Emil wichtig ist, das Gefühl zu haben, dass wir an ihn glauben. In einer der ersten Stunden mitten im Unterricht fällt leider ein Kommentar „auf eine Dyskalkulie können wir hier leider nicht Rücksicht nehmen“. Eine Welt bricht für Emil zusammen, der Taschenrechner darf auch nicht mehr verwendet werden. Ein Schock! Denn der Taschenrechner gibt ihm Sicherheit und der komplexen Welt der Mathematik.

Nachteilsausgleich – November 2019

Alle sind bemüht, von allen Seiten versucht man zu helfen, aber die Hilfe ist wenig zielführend. Ich spreche mit Emil und seinen Eltern und höre mir deren Sichtweise an. Ich spreche mit der Lehrerin und versuche ihr zu vermitteln, was es bedeutet, wenn ein Kind eine Dyskalkulie hat. Es ist nicht nur das Mathematische, was schwer fällt. Diese Schüler haben jahrelangen Frust hinter sich, fühlten sich wenig verstanden, haben immer wieder gehört, nun übe doch mal mehr. Auch Emil hat geübt, aber eine Rechenschwäche verschwindet nicht einfach. Die Schüler können lernen damit besser umzugehen. In der lerntherapeutischen Förderung geben wir den Schülern ein Stück Selbstsicherheit zurück. Motivieren sie. Genau das braucht Emil! Wichtig ist es, die Stärken zu sehen, für diese Schüler da zu sein und ihnen MUT zu geben, an sie zu glauben.

Schritt für Schritt finden wir Lösungen

  • der Taschenrechner darf wieder benutzt werden – „Es geschehen noch Wunder“ schreibt mir die Mutter
  •  das Grundschulbuch kommt weg, „Gott sei Dank“ sagt Emil, er fand es irre peinlich, dieses Buch in seiner Schultasche zu haben,  ständig Angst zu haben, dass es jemand entdecken könne
  • die lerntherapeutische Förderung geht mit mir weiter und die innerschulische Förderung fällt weg
  •  ein individueller auf Emil zugeschnittener Nachteilsaugleich wird festgelegt

Es kommt endlich Ruhe in die ganze Situation.

Den Hauptschulabschluss in der Tasche  – das Jahr 2020

Emil kann sich wieder auf die Schule konzentrieren und die Eltern kommen zur Ruhe. Endlich können wir wirklich von einer Erfolgsgeschichte mit einer Dyskalkulie sprechen.

Die erste Mathearbeit ist eine 3, die zweite Arbeit eine 4. Emil traut sich wieder mehr zu. Die Lehrerin ist mit mir und den Eltern im engen Austausch. Im November dann die nächste positive Nachricht, Emil hat die Zusage für seinen Wunsch-Ausbildungsplatz und wenig später einen Ausbildungsvertrag in den Händen.

Kurz darauf besteht er seinen Traktor und Moped Führerschein. Am Ende vom Schuljahr steht er in Mathe auf einer 3,8. Wer hätte das am Anfang vom Schuljahr gedacht. Auch die schriftliche Prüfung besteht Emil! Sein Traum endlich eine Ausbildung zu beginnen, geht in Erfüllung.

Es ist so wichtig zum Thema Rechenschwäche zu sensibilisieren und aufzuklären. Immer wieder erlebe ich Schulen, die noch nie ein Kind mit einer Dyskalkulie hatten. Das kann eigentlich nicht sein, aber genau so wird es den Eltern vermittelt. Ich berate ehrenamtlich immer wieder Lehrer und Eltern und hoffe, dass die Situation für Kinder mit einer Dyskalkulie oder Legasthenie besser wird.

Genauso wichtig sind MUTMACHER und Erfolgsgeschichten mit Dyskalkulie.

Ich bin unheimlich stolz auf Emil, wie er das Schuljahr gemeistert hat und sehr dankbar, dass die Schule und die Eltern hinter ihm standen. Der Start war schwierig, aber zusammen haben wir es geschafft!


Abonnieren Sie doch gerne meinen LernLetter, das war sicherlich nicht die letzte Erfolgsgeschichte mit Dyskalkulie. Ich freue mich auf Sie!

Ihre Susanne Seyfried

 

 

 

2 Comments

  • Eine so unheimlich wichtige Arbeit!
    Für Betroffene und deren Familien bedeutet das so viel!
    Schön, dass es so tolle Hilfe gibt.
    Macht richtig Mut!!!!!

    • Vielen lieben Dank für das tolle Feedback! Es ist so wichtig weiter zum Thema Rechenschwäche/Dyskalkulie aufzuklären, damit diesen Schülern gezielt geholfen werden kann. Denn dann gibt es noch mehr MUTmacher und Erfolgsgeschichten.

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