Frühe Förderung – ein Praxisbeispiel

Ich arbeite als Lerntherapeutin an einer Schule. Ein persönliches Anliegen ist mir die frühe Förderung der Schüler. Da ich immer wieder gefragt werde, welche Förderprogramme ich in der Schule verwende, möchte ich eins davon gerne vorstellen und meine Erfahrungen mit diesem Programm teilen. Ich bin erst dieses Schuljahr mit Mengen, zählen, Zahlen (MZZ) gestartet, aber auch in dieser relativ kurzen Zeit gibt es schon viel zu berichten.


Mengen, zählen, Zahlen auf einen Blick

Altersempfehlung: 4-8 Jahre
Gruppengröße: 4-6 Jahre
Materialien: Zahlentreppe, Zahlenkarten, Zahlenhaus, rote und blaue Holzchips 


Als Lerntherapeutin in der Schule

Warum bin ich an einer Schule tätig? Ganz einfach, ich hätte mir genau diese Unterstützung damals für meine Tochter gewünscht. Es war kein einfacher Weg, als Lerntherapeutin in der Schule zu arbeiten. Aber manchmal muss man ungewöhnliche Wege gehen. Wer mich ein wenig kennt, weiß, dass mich Herausforderungen anspornen und nicht abschrecken:-)

Die frühe Förderung am Vormittag ist so wertvoll. Die Schüler sind viel aufnahmefähiger und motivierter. Nachmittags nach den Hausaufgaben und womöglich anderen Terminen fällt es insbesondere den jüngeren Schülern schwer die Konzentration aufrecht zu erhalten. Für die Eltern ist es eine zusätzlich Belastung ihre Kinder zu diversen Termine zu fahren. Daher ist die schulische Förderung ideal.

Kleingruppen und der Austausch zwischen Lerntherapeut und Lehrer

Ich fördere in Kleingruppen. Damit habe ich die Möglichkeit, Schwierigkeiten früh zu erkennen und rechtzeitig zu intervenieren. Ich kann genau hinschauen und nachfragen, was das Kind denkt und wie es vorgeht. Durch meine Präsenz in der Schule ist ein Austausch mit dem Klassenlehrer jederzeit möglich. Tipps und Empfehlungen für die weitere mathematische Förderung können sofort angesprochen werden. Auch Elterngespräche können gemeinsam geführt werden. Ideale Voraussetzungen, um wirklich individuell zu fördern. Das klingt alles so schön, um wahr zu sein, leider muss ich auch manchmal Vertretungsunterricht wahrnehmen, dann fallen diese Förderstunden aus.

Mengen, Zählen, Zahlen (MZZ) – mathematische Förderung

Das Programm hat das Ziel mathematische Grundlagen spielerisch und handelnd begreifbar zu machen. Die Kinder können die Holzchips, Karten und die Elemente der Zahlentreppe anschauen und in die Hand nehmen. Sie werden zum Ausprobieren und darüber Sprechen eingeladen und damit aktiv eingebunden. Am Ende der Stunde reflektieren die Kinder, was sie gelernt haben.

Mengen, Zählen, Zahlen beruht auf der Theorie von Resnick (1989) und dem weiterentwickelten Modell von Krajewski (2007). Es beschreibt die mathematische Kompetenzentwicklung bis zur Grundschulzeit. Das Programm ist für Kinder ab 4 Jahre geeignet, ist aber auch sehr gut für die erste Grundschulklasse geeignet. Spielerisch werden Grundlagen gelegt, die für die weiteren Klassen enorm von Bedeutung sind.

Die Kinder müssen verstehen, dass hinter den Zahlen Mengen stehen – Kristin Krajewski

Das Fundament

Die frühe Förderung wird oft unterschätzt. Zu mir kommen immer mehr ältere Kinder aus Klasse 6 und aufwärts, denen mathematische Grundlagen aus Klasse 2 und 3 fehlen. Ein stabiles Zahl- und Mengenverständnis wurde nie richtig aufgebaut, diese Kinder lösen viele Aufgaben zählend, ohne wirkliches Verständnis.  Fehlt mir ein Baustein aus früheren Klassen, so entwickle ich kein stabiles Fundament und das mathematische Haus kann nicht weitergebaut werden. Man muss sich das wie eine Treppe vorstellen, ich gehe erst zur nächsten Stufe über, wenn ich dort sicher bin. Schritt für Schritt erlange ich damit die Kompetenzen, die ich brauche um ein sicherer Rechner zu werden und genauso ist auch das MZZ aufgebaut.


Kompetenzstufen

MZZ fördert 3 Kompetenzstufen, die aufeinander aufbauen.

  1.  numerische Basisfertigkeiten
  2. Anzahlkonzept
  3. Anzahlrelationen

Ein Teil der Zahlentreppe mit Fingerbild und Würfelbild

Gedacht ist das Programm für 3x wöchentlich 30 Minuten über einen Zeitraum von 8 Wochen. Ich habe nur einmal die Woche 45 Minuten, bin aber überzeugt, dass die Kinder trotzdem gut davon profitieren.
Unsere Gruppe besteht aus 5 Schülern (ursprünglich waren es weit über 10), aber die Erfahrung der ersten Wochen hat es gezeigt, dass eine kleinere Gruppengröße vorteilhaft ist und wir individueller fördern können. Ein wichtiger Bestandteil vom Programm ist die Zahlentreppe. Neben den Ziffern, sind Fingerbilder aufgedruckt als auch die Menge als einzelne Punkte und Würfelbilder. Die Schüler lieben die Zahlentreppe. Hier gibt es viel zu entdecken. Ein Schüler wollte sogar die Treppe gerne nach Haus nehmen, weil er total begeistert war.

Wichtiger Bestandteil in der Arbeit mit den Kinder ist das Verbalisieren über die gelernten Inhalte. Die Kinder ordnen z.B. Dinge der Ziffer 1 zu, weil es davon genau eins gibt. Dinge, die es zweimal gibt, gehören zur Ziffer 2, denn „1 ist weniger als 2“. Das Gelernte bleibt länger im Gedächtnis, wenn man aktiv darüber spricht und für mich ist das Sprechen über die Mathematik eine gute Möglichkeit um zu schauen, was die Kinder aus der Stunde gelernt haben.

Die ersten Stunden – der richtige Raum

Die ersten Stunden waren extrem motivierend. Ich habe den großen Karton mit dem Material ausgepackt und alle Schüler waren begeistert. „Endlich spielen wir ein Spiel“ waren die Worte von einigen Kindern. Zuerst haben uns das Maerial in Ruhe angeschaut, bevor die eigentlich Arbeit begann. Da die Schüler bei mir aus unterschiedlichen ersten Klassen kommen, ist es wichtig, dass die Kinder sich erst einmal kennenlernen. Positiv hervorzuheben ist auch der ansprechende Raum. Er ist kleiner als ein Klassenzimmer, hat einen runden Tisch, der zur Gruppenarbeit einlädt. Für die Kinder ist dieser Raum daher etwas Besonderes.

Zahlen in Relation zueinander

Zahlen werden im Laufe des Programms immer wieder bewusst in Relation gesetzt. 5 ist eins mehr als 4. Ich kann dies visuell dastellen, sowohl mit den Zahlen 4 und 1  als auch als Menge darstellen (siehe Bild). Zahlen sind nichts abstraktes, Zahlen bestehen aus Mengen und das soll den Schülern in unterschiedlichen Darstellungsformen näher gebracht werden.

Ausblick

Ich wünsche mir, dass es mehr solcher Möglichkeiten gäbe, Kinder innerschulisch individuell zu fördern. Solange der Lehrermangel so gravierend ist, bleiben manchmal schwächere Kinder auf der Strecke, die vielleicht einfach nur mehr Zeit brauchen.

Möchten Sie mehr über meine Arbeit erfahren, nehmen Sie doch gerne Kontakt auf und abonnieren Sie meinen LernLetter — denn in einem meiner nächsten Blog-Artikel gebe ich gerne weitere Einblicke in meine Arbeit.