Lerntherapie in der Schule bedeutet oft, dass man keinen festen Raum für Material hat, das man dauerhaft in der Schule lassen kann. Auch ich kenne das sehr gut aus meiner eigenen Tätigkeit an verschiedenen Schulen. An einer gibt es eine super ausgestattete Mathematikwerkstatt. Dort kann ich direkt loslegen, habe alles, was ich brauche und muss nur wenige Dinge mitbringen. An anderen Schulen gibt es zwar teilweise feste Räume, aber keinen Platz Dinge zu verstauen oder so zu hinterlegen, dass ich sie eine Woche später nochmal verwenden kann. Die Rahmenbedingungen sind nicht immer ideal, aber ich habe daraus eins mitgenommen: Es braucht Materialien, die platzsparend und flexibel einsetzbar sind.

Was anfangs wie eine Einschränkung wirkte, hat mich zu einer Erkenntnis gebracht: Weniger ist oft mehr. Ich habe gelernt, mit wenigen, aber gezielt ausgewählten Materialien zu arbeiten und genau das macht meine Förderung manchmal sogar stärker. Denn wenn jedes Material einen klaren Zweck hat, wird der Fokus schärfer für mich und für die Schüler.

In diesem Artikel zeige ich dir, welche Dyskalkulie-Materialien ich in der schulischen Förderung immer dabei habe und wie ich sie einsetze. Auch meine digitalen Entdeckerkiste habe ich ausgedruckt immer dabei, so kann ich sowohl in Gesprächen mit Lehrkräften und Eltern als auch mit Schülern Lerntherapie ganz leicht und kindgerecht erklären.

Jedes Material erfüllt mehr als eine Aufgabe

Wenn ich meine Tasche für die Schule packe, stelle ich mir immer dieselbe Frage: Wofür genau nehme ich das mit? Ein Material, das nur eine einzige Funktion hat, hat bei mir einen schweren Stand. Was ich mitnehme, muss flexibel sein, es muss für Diagnostik taugen, Gespräche anstoßen, Bewegung ermöglichen oder Psychoedukation leisten. Idealerweise mehreres davon.

Denn Mathematik lebt von Gesprächen. Nicht von Arbeitsblättern, nicht von stillem Üben, sondern davon, dass ein Kind zeigt, wie es denkt, und ich genau zuhöre. Die richtigen Materialien öffnen diese Gespräche. Sie laden ein, zu erklären, zu zeigen, zu fragen. Und manchmal verraten sie mir in fünf Minuten mehr über einen Schüler als ein standardisierter Test.

Würfel: Klein und unvergesslich, als Radiergummi oder in verschiedenen Farben

Würfel überall, bunt und vielseitig
Dyskalkulie-Materialien: Immer dabei meine Radiergummiwürfel
Radiergummiwürfel, klein, handlich, flexibel einsetzbar

Wenn ich gefragt werde, welches Material in meiner Lerntherapie den größten Eindruck hinterlässt, ist die Antwort überraschend schlicht: kleine Radiergummi-Würfel. Eigentlich ein ganz einfaches Material und trotzdem erinnern sich Schüler noch Jahre später daran.

Es passiert manchmal, dass mich ein Kind im Schulflur anspricht, das ich lange nicht mehr gesehen habe. Es strahlt, zeigt mir, dass es den Würfel noch hat und erzählt, dass es den Trick immer noch kennt. Dieser Moment sagt mir mehr über Wirksamkeit als jede Evaluation.

Der Trick funktioniert so: Bei einem klassischen Würfel ergeben gegenüberliegende Seiten immer zusammen 7 – also 1 und 6, 2 und 5, 3 und 4. Wenn ich also die Oberseite sehe, weiß ich sofort, was unten liegt. Für Schüler, die glauben, ich hätte magische Kräfte, ist der Moment, in dem sie dieses Muster selbst entdecken, oft ein echter Wendepunkt. Aus Staunen wird Verstehen und aus Verstehen wird Selbstwirksamkeit. Am Ende der Stunde dürfen zwei Radiergummi-Würfel mitgenommen werden.

Würfel – so setze ich sie ein:

  • Gesprächseinstieg: Besonders beim ersten Kennenlernen, der Trick bricht das Eis und schafft sofort eine Verbindung
  • Informelle Diagnostik: Wie beschreibt das Kind, was es sieht? Zählt es einzeln oder erkennt es Mengen auf einen Blick?
  • Psychoedukation & Selbstwirksamkeit: Das Kind nimmt zwei Würfel mit nach Hause – als greifbare Erinnerung: Ich habe etwas verstanden. Ich kann das.

Schätzglas: Die kleine Variante für Lerntherapie in der Schule

Das habe ich auch immer dabei: Ein kleines Gefäß, gefüllt mit Muggelsteinen, Büroklammern oder Knöpfen. Das Schätzglas ist für mich ein Türöffner. Wenn ich es auf den Tisch stelle, passiert fast immer dasselbe: Das Kind schaut, überlegt, fängt an zu reden. Wie viele sind das wohl? Hundert? Zweihundert? Zu viel oder zu wenig?

Genau in diesen Momenten höre ich zu. Denn wie ein Kind schätzt, verrät mir viel: Hat es ein Gefühl für Mengen? Traut es sich, eine Zahl zu nennen oder zögert es, weil es Angst hat, falsch zu liegen? Schon bevor wir gemeinsam zählen, bündeln und ordnen, habe ich erste diagnostische Eindrücke gesammelt ganz nebenbei, im Gespräch.

Dann wird es konkret: Wir nehmen die Gegenstände heraus, bündeln sie zu Zehnern, legen Einer beiseite. Plötzlich wird aus einer unüberschaubaren Menge eine strukturierte Mengen.

Schätzglas – so setze ich es ein:

  • Informelle Diagnostik: Wie schätzt das Kind? Hat es ein intuitives Mengengefühl oder wirkt die Aufgabe überwältigend?
  • Bündeln & Entbündeln: Gegenstände zu Zehnern zusammenlegen, Zehner zu einem Hunderter bündeln
  • Gesprächsanlass: Über Mengen reden, vergleichen, schätzen

Dienes Material: Kompakt in einer kleinen Holzschachtel

Dyskalkulie Materialien in der Schule
Dienes Material in der Dyskalkulietherapie
8 Zehnerstangen, 2 Fünfer-Stangen und 20 Einer-Würfel

Ein kleines Holzkästchen, darin Zehnerstangen, Fünferstangen und Einerwürfel. Wer das Dienes-Material kennt, weiß: Es sieht schlicht aus und trotzdem ist es eines meiner Lieblingsmaterialien in der Dyskalkulietherapie. Ich nehme bewusst eine kompakte Version mit, die wenig Platz braucht und trotzdem alles enthält, was ich brauche.

Das Dienes-Material begleitet mich durch viele Themen: vom ersten Verständnis des Zehnersystems bis hin zu Addition und Subtraktion mit Zehnerübergang. Es ist kein Einmal-Material, sondern eines, was ich in der Lerntherapie immer wieder einsetze.

Dienes-Material – so setze ich es ein:

  • Stellenwertverständnis aufbauen: Einer, Zehner, Hunderter begreifbar machen, nicht als Symbol, sondern als Menge in der Hand
  • Diagnostik: Wie legt das Kind die Zahlen? Versteht es den Unterschied zwischen Einer und Zehner oder zählt es alles einzeln?

Kreide: Für mehr Bewegung in der lerntherapeutischen Förderung

Dyskalkulie-Materialien in der Lerntherapie
Übungen am Zahlenstrahl
Kreide habe ich immer dabei:-)

Kreide gehört zu den Materialien, über die man eigentlich nicht nachdenken muss und genau deshalb vergisst man sie. Ich nicht. Ein Stück Kreide in der Tasche hat mich schon mehr als einmal gerettet. Nicht nur, weil manchmal tatsächlich keine Kreide im Klassenzimmer ist – ja, das kommt vor:-), sondern weil Kreide auch Bewegung und Kreativität ermöglicht.

Draußen Mathe machen verändert die Energie einer Stunde. Ein Kind, das drinnen unruhig war, blüht plötzlich auf, wenn es Zahlen auf den Asphalt schreiben darf. Rechenaufgaben werden in Bewegung erlernt, der Zahlenstrahl kann abgelaufen werden und Mathematik bekommt einen anderen Raum, im wörtlichen Sinne.

Kreide – so setze ich sie ein:

  • Lernen in Bewegung: Rausgehen und Mathe in Bewegung erleben, Zahlenstrahl auf dem Boden und in Bewegung den Zahlenraum erleben
  • Kreativität: Ich lasse die Schüler auch aktiv werden und eigene Aufgabenformate entwickeln
  • Raumwechsel als Methode: Draußen lernen verändert die Atmosphäre und gibt unruhigen Kindern neue Energie

Blitzblick-Karteikarten: Passend für den individuellen Zahlenraum

Der Blitzblick trainiert, was in der Mathematik so grundlegend ist und trotzdem oft übersehen wird: das schnelle, sichere Erkennen von Mengen und Strukturen. Nicht zählen, sondern sehen und Strukturen erkennen. Dieser Unterschied ist für Kinder mit Rechenschwäche oft enorm. Wer jede Menge neu zählen muss, verliert Zeit, Energie und den Faden. Wer Mengen auf einen Blick erkennt, hat Kapazität frei für das eigentliche Rechnen und kann Zusammenhänge besser verstehen.

Die Karten sind handlich und leicht. Ich nutze sie als Einstieg in die Stunde, als kurze Aktivierung zwischendurch oder als diagnostischen Moment, wie sicher ist das Kind? Zögert es? Zählt es heimlich nach? Aber auch immer wieder, um Übungen zu vertiefen und sichtbar zu machen das kann ich schon. Denn wie beim Vokabelnlernen mit Karteikarten, sehe ich ziemlich schnell auf einen Blick, welche Aufgaben ich schon kann und dass nach und nach mein Stapel an gelösten Aufgaben wachsen kann.

Blitzblick-Karteikarten – so setze ich sie ein:

  • Mengenwahrnehmung trainieren: Schnelles Erkennen von Strukturen: Weg vom Zählen, hin zum Sehen
  • Passgenau & flexibel: Je nach Klasse und Lernstand das richtige Set dabei, ohne großen Aufwand
  • Informelle Diagnostik: Wie reagiert das Kind? Sicherheit, Zögern oder heimliches Nachzählen verraten viel über den aktuellen Stand

Kronkorken: kostenlos und so vielfältig

Kronkorken sammeln die meisten Menschen, ohne groß darüber nachzudenken. Ich auch, aber bei mir landen sie in der Förderung. Ich liebe Kronkorken. Sie sind bunt, greifbar und für Kinder sofort ansprechend. Natürlich nutze ich die Kronkorken auch für mein Schätzglas, aber Kronkorken können noch viel mehr.

Weil sie in verschiedenen Farben und Designs kommen, lassen sie sich wunderbar sortieren, vergleichen und legen. Wovon gibt es mehr, wovon weniger? Wie viele Reihen à fünf passen hier hin? Plötzlich ist das Einmaleins nicht mehr abstrakt, sondern etwas, das man vor sich sieht, in Reihen, in Gruppen, in Farben. Plus- und Minusaufgaben lassen sich legen, Mengenbilder entstehen und Zusammenhänge werden sichtbar.

Und auf einigen Kronkorken steht sogar etwas, was gerade jüngere Schüler sehr spannend finden. Dort finden sich dann Wörter wie „laut“ und „leise“ und dann entstehen Gespräche wie: Welches Getränk ist denn laut und welches leise? (Vielleicht bist du drauf gekommen: Leise ist das stille Wasser und laut das Wasser mit Kohlensäure, beide Kronkorken habe ich zusammen mit Sabine bei unserem Lerntherapeuten-Netzwerktreffen in Dresden entdeckt).

Und wenn mal nichts davon passt? Dann landen die Kronkorken eben im Schätzglas und warten auf ihren nächsten Einsatz:-)

Kronkorken – so setze ich sie ein:

  • Mengenverständnis & Schätzen: Im Schätzglas als Gesprächseinstieg: bündeln, ordnen, strukturieren
  • Einmaleins visualisieren: Reihen legen, Gruppen bilden, Zusammenhänge sichtbar machen
  • Aufgaben legen: Plus- und Minusaufgaben greifbar machen: Mathematik zum Anfassen
Die bunte Vielfalt der Kronkorken
Dyskalkulie-Materialien in der Lerntherapie
Sortieren, bündeln, schätzen, rechnen: Soviel ist möglich!

Dyskalkulie-Materialien: Weniger ist mehr

Wenn ich meine Tasche für die Schule packe, passe ich in wenige Minuten alles ein, was ich brauche. Kein Koffer, kein Rollwagen, kein Stress. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – entstehen in meinen Förderstunden Momente, die bleiben. Schüler, die mich Jahre später im Flur ansprechen und mir erzählen, dass sie den Würfeltrick noch kennen. Kinder, die plötzlich verstehen, was ein Zehner ist. Momente, in denen aus „Ich kann kein Mathe“ echtes Staunen wird.

Ich nehme nur mit, was wirklich in eine kleine Tasche passt, was Gespräche öffnet und Diagnostik ermöglicht, zur Bewegung einlädt und auch Lerntherapie erfahrbar macht.

Meine Auswahl ist nicht die einzig richtige und auch nicht abschließend. Sie ist ein kleiner Einblick in Materialien, die klein und kompakt sind und vielseitig einsetzbar sind.

Wenn du selbst in der schulischen Lerntherapie arbeitest und überlegst, welche Materialien die Richtigen für dich sind, dann buch dir ein Beratungsgespräch oder komme ins Lerntherapeuten-Netzwerk. Manchmal braucht es nur einen Austausch, um einen Schritt weiterzukommen.

Was ist dein Lieblingsmaterial, was darf nicht fehlen? Schreib es gerne in die Kommentare.

Weitere Tipps zu Materialien in der Lerntherapie findest du bei meinen Kolleginnen aus dem Lerntherapeuten-Netzwerk

Noch mehr Infos zu Lerntherapie in Schule: Hier erfährst du, wie mein Tag als Lerntherapeutin in der Schule bei mir genau aussieht und hier bekommst du einen Einblick, wie Lerntherapie in Schule über das Startchancenprogramm finanziert wird.

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