Viele Eltern sind erleichtert, wenn endlich ein LRS-Test durchgeführt wurde. Endlich gibt es ein Ergebnis, schwarz auf weiß.
Doch in meiner Praxis erlebe ich häufig: Ein einzelner LRS-Test beantwortet nicht alle wichtigen Fragen.
Denn Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten können sehr unterschiedliche Ursachen haben.
In diesem Artikel zeige ich dir, warum eine umfassende LRS Diagnostik sinnvoll sein kann, welche weiteren Abklärungen wichtig sind und wie sie helfen, deinem Kind gezielt Unterstützung zu ermöglichen.

Warum ein ganzheitlicher Blick so wertvoll ist

Ein LRS Test zeigt, dass ein Kind Schwierigkeiten hat, aber er erklärt nicht immer, woher diese kommen.

In der Praxis bedeutet das:

  • Fördermaßnahmen setzen möglicherweise an der falschen Stelle an
  • Kinder erhalten allgemeine Unterstützung, die nicht zu ihren tatsächlichen Bedürfnissen passt
  • wertvolle Zeit geht verloren

Die Ursachen für Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten sind vielfältig und nicht immer liegt die Erklärung ausschließlich im Lesen oder Schreiben selbst.

Deshalb ist es bei einem begründeten Verdacht auf LRS sinnvoll, das Kind ganzheitlich zu betrachten: Welche Faktoren wirken vielleicht noch mit? Wo braucht es gezielte Abklärung?

Ziel zusätzlicher Abklärungen ist es nicht, „noch mehr zu testen“, sondern andere mögliche Einflussfaktoren mitzudenken oder auszuschließen, damit eine Förderung gezielt wirken kann.

LRS Diagnostik in der Lerntherapie
In der LRS-Diagnostik schauen wir, wie das Kind lernt, liest und schreibt

Hörfähigkeit – oft unterschätzt: Was Eltern wissen sollten

Gutes Hören ist eine zentrale Grundlage für den Spracherwerb und damit auch für das Lesen- und Schreibenlernen.
Gerade im frühen Kindesalter können Hörbeeinträchtigungen jedoch lange unbemerkt bleiben.

Wiederkehrende Mittelohrentzündungen mit Paukenergüssen können zu einer zeitweisen Hörbeeinträchtigung führen. Kinder hören dann Laute nur gedämpft oder verzerrt, was die Lautunterscheidung erschwert. Diese ist jedoch eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der phonologischen Bewusstheit und damit für den Schriftspracherwerb.

Auch in der wissenschaftlichen S3-Leitlinie der Lese-Rechtschreib-Störung wird darauf hinweisen, dass bei der LRS Diagnostik ausgeschlossen werden soll, dass die Schwierigkeiten Folge einer Hörstörung sind.

Wie Lenis Hörschwierigkeiten das Lesenlernen erschweren

Leni, 9 Jahre alt, liest langsam und hat große Schwierigkeiten im Textverständnis. Erst im Gespräch mit den Eltern wird deutlich, dass sie in der frühen Kindheit mehrfach an Mittelohrentzündungen litt. Für die Eltern stand dies, da es schon einige Jahre zurücklag, zunächst nicht mehr im Fokus.

Eine HNO-ärztliche Abklärung ergab auf einem Ohr ein deutlich eingeschränktes Hörvermögen. Leni hatte diese Hörminderung über lange Zeit kompensiert, etwa durch erhöhte Aufmerksamkeit und das Nutzen visueller Hinweise. Nach einer Paukenröhrchen-Operation verbesserte sich ihr Hörvermögen deutlich. Dadurch konnten auditive Informationen zuverlässiger verarbeitet werden, und die lerntherapeutische Förderung griff nun gezielter und wirksamer.

Was ich Eltern empfehle:

  • eine Untersuchung durch einen Hals-Nasen-Ohrenarzt (HNO) und Pädaudiologie, z. B. bei Verdacht auf eine auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung – AVWS
  • Wichtig: Kinder mit auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen wirken oft so, als hätten sie eine LRS, die Ursache ist aber eine andere

Weitere Abklärungen bei LRS -Verdacht – was kann dahinterstecken?

Im Folgenden findest du wichtige Bereiche, die bei LRS-Verdacht ebenfalls geprüft werden sollten, natürlich ist dies im Einzelfall immer ganz individuell.

LRS Diagnostik, weitere Abklärungen
LRS Diagnostik: Weitere Abklärungen bei Verdacht auf LRS

Sehfähigkeit
– Augenarzt oder Funktionaloptometrie
– Prüfen: Augenbewegungen, visuelle Wahrnehmung, Blicksteuerung

Feinmotorik / Graphomotorik
– Gerade bei Kindern mit sehr unleserlicher Schrift oder erhöhter Schreibbelastung

Kognitive Voraussetzungen
– IQ-Test (z. B. WISC), um allgemeine Lernschwierigkeiten abzugrenzen
– Wichtig für die Unterscheidung: LRS oder generelle Leistungsprobleme?

Aufmerksamkeit & Verhalten
– ADHS-Screening oder Diagnostik
– Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen zeigen oft sekundäre Lese-Rechtschreib-Schwächen

Emotionale Faktoren
– Angst, Schulvermeidung, geringer Selbstwert – auch das beeinflusst das Lernverhalten

Sprachentwicklung & Mehrsprachigkeit
– Logopädische Diagnostik bei Auffälligkeiten im Wortschatz oder der phonologischen Bewusstheit
– Bei Deutsch als Zweitsprache (DaZ): Unbedingt die Sprachkompetenz differenziert überprüfen

Ergänzend zu ärztlichen Abklärungen und auch formalen Testverfahren spielt in der Lerntherapie der genaue Blick auf das Kind im Lernprozess eine zentrale Rolle.
Hier geht es weniger um das Stellen einer Diagnose, sondern darum, Lernvoraussetzungen, Stärken und mögliche Einflussfaktoren besser zu verstehen.

So läuft eine LRS-Diagnostik in der Praxis ab

Eine umfassende LRS Diagnostik bedeutet nicht, dass dein Kind „mehr Probleme hat“.
Sie hilft vielmehr dabei, den passenden Unterstützungsweg zu finden und unnötige Umwege zu vermeiden.

In der Lerntherapie stehen deshalb nicht nur Testergebnisse im Fokus, sondern das Kind als Ganzes. Lerntherapeuten beobachten genau, wie dein Kind lernt, liest und schreibt, führen eine ausführliche Anamnese, also ein Gespräch mit dir als Mutter oder Vater und achten gezielt auf mögliche Einflussfaktoren wie:

  • Hör- und Sehentwicklung, wie frühere Erkrankungen (z. B. häufige Mittelohrentzündungen)
  • sprachliche Entwicklung
  • Konzentration, Motivation und emotionales Erleben

Diese Beobachtungen und das vertrauensvolle Gespräch mit dir als Eltern helfen dabei, die Schwierigkeiten deines Kindes besser einzuordnen und eine passgenaue Förderung zu entwickeln.

Nicht immer sind alle weiteren Abklärungen notwendig.
Welche sinnvoll sind, ergibt sich oft erst im Zusammenspiel von Beobachtung, Erfahrung und fachlicher Einschätzung und hängt immer vom einzelnen Kind und seinen Lernvoraussetzungen ab.

LRS Diagnostik: Fragen für das Erstgespräch
– Gab es frühkindliche Erkrankungen, z.B. häufige Mittelohrenentzündungen?

– Bestehen Hinweise auf Seh- oder Hörprobleme?

– Gab es Probleme in der Sprachentwicklung?
– War es in logopädischer Behandlung?

– Zeigt das Kind Schwierigkeiten beim Schreiben (Stifthaltung, Schriftbild)?

– Wie geht es emotional mit dem Thema Lesen und Schreiben um?

Fazit– warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen

Eine LRS-Diagnostik bedeutet nicht, nach immer mehr Problemen zu suchen, sondern genauer zu verstehen, was ein Kind wirklich braucht.

Je besser die Hintergründe erkannt werden, desto gezielter kann geholfen werden.
Und das ist der eigentliche Sinn jeder Diagnostik: Weniger Umwege, mehr passende Unterstützung.

Weitere Lesetipps

Möchtest du tiefer in das Thema LRS Diagnostik einsteigen, habe hier ein paar Leseempfehlungen für dich

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