Viele Eltern googeln irgendwann nach dem Begriff „LRS Test“ und landen in einem Dschungel aus Angeboten, Abkürzungen und Unsicherheiten.

Wer testet eigentlich eine LRS? Reicht ein schulischer Beobachtungsbogen oder braucht es ein offizielles Gutachten? Und was ist mit einem kostenlosen Online-Test oder einem LRS Test am Computer?

Diese und ähnliche Fragen höre ich als Lerntherapeutin in Baden-Württemberg fast täglich, von Eltern genauso wie von Lehrkräften. Die Unsicherheit ist groß, denn: Nicht jeder LRS-Test ist gleich aufgebaut und nicht jeder bringt Klarheit.

In diesem Artikel erfährst du:
Wer was testet: Schule, Psychologen, Kinder- und Jugendpsychiater, Lerntherapeuten, Institute
Welche Form der Diagnostik für welches Ziel sinnvoll ist
Welche schulischen Anlaufstellen es in Baden-Württemberg gibt und was sie leisten können

Mein Ziel ist es, dir einen verständlichen Überblick zu geben, damit du für dein Kind die passende Anlaufstelle findest, ohne Umwege und unnötige Doppeltestungen.

LRS Test ist nicht gleich LRS Test – welche Diagnostik passt zu welchem Ziel?

Je nachdem, was das Ziel des LRS Tests ist, unterscheiden sich die diagnostischen Wege ganz erheblich.

Manchmal geht es darum, den Förderbedarf eines Kindes einzuschätzen, manchmal braucht es eine offizielle Diagnose für das Jugendamt, und in anderen Fällen ist eine lerntherapeutische Einschätzung gefragt. In diesem Abschnitt zeige ich dir, welche Form der Diagnostik zu welchem Ziel passt und welche Anlaufstellen es dafür gibt.

1. Pädagogisch orientierte Diagnostik: Wo steht der Schüler und wo muss eine Förderung ansetzen

Diese Form der Testung erfolgt meist über die Schule oder schulische Anlaufstellen, aber auch viele Lerntherapeuten führen eine pädagogische Testung durch. Sie ist praxisnah, und hilft vor allem, die nächsten konkreten Schritte zu planen.

In Baden-Württemberg gibt es einige schulische Anlaufstellen. In meinen Beratungen erlebe ich allerdings immer wieder, dass diese weder Lehrkräften noch Eltern bekannt sind. Dabei entstehen bei diesen Anlaufstellen Eltern keine Kosten. Diese Anlaufstellen können weiterhelfen:

  • Beratungslehrer (für jede Schule in BW gibt es in der Regel einen Beratungslehrer), in Zeiten von Personalmangel ist das leider nicht überall der Fall, dann kann man sich hierhin wenden:
  • Schulpsychologische Beratungsstelle: hier wird, wenn gewünscht, eine umfassende Testung und auch Intelligenzdiagnostik durchgeführt
  • Außerdem gibt es LRS-Beauftragte, diese sind hier bei uns in der Region Ansprechpartner im Auftrag des Staatlichen Schulamts und können beraten oder auch testen

Ziel:

  • Förderbedarf einschätzen
  • Standortbestimmung („Wo steht das Kind aktuell?“) und darauf aufbauend eine
  • Ableitung konkreter Förderziele

2. Fachärztliche Diagnostik: Für eine offizielle Anerkennung (z. B. Kostenübernahme Jugendamt)

Wenn ein LRS-Test offiziell anerkannt werden soll, zum Beispiel für einen Antrag auf Eingliederungshilfe (§35a SGB VIII) beim Jugendamt reicht eine pädagogische Einschätzung oft nicht aus. In diesem Fall braucht es eine fachärztliche Diagnostik, die nach festen medizinischen Kriterien erfolgt.

Typische Anlaufstellen sind:

  • Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (KJP)
  • Sozialpädiatrische Kliniken (SPZ)
  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (meistens Psychologen mit Zusatzqualifikation) oder
  • Psychologischer Psychotherapeut

Ziel dieser Testung ist:
– eine Diagnose nach ICD-10 oder ICD-11, z. B. F81.0 (Lese-Rechtschreib-Störung)
– eine fachliche Grundlage für Anträge beim Jugendamt, z. B. für eine Förderung nach §35a

Wichtig zu wissen:
Diese Form der Diagnostik kann sehr hilfreich sein, ist aber nur dann notwendig, wenn eine offizielle Anerkennung gebraucht wird. Für schulische Förderung (in einigen Bundesländern) oder für den Beginn einer Lerntherapie ist sie nicht zwingend erforderlich. Wichtig: immer im Vorfeld mit dem Jugendamt abklären, welcher LRS Test anerkannt wird.

LRS Diagnostik an Schulen – zwischen Anspruch und Realität

Laut Verwaltungsvorschrift (VwV) des Landes Baden-Württemberg liegt die Verantwortung zur Feststellung eines besonderen Förderbedarfs klar bei der Schule. Die Diagnose ist pädagogisch, ein medizinisches oder externes Gutachten, um den besonderen Förderbedarf festzustellen ist nicht notwendig, es kann aber hinzugezogen werden.

In der Praxis zeigt sich jedoch zunehmend, dass Schulen diese Verantwortung auslagern, teilweise, weil Beratungslehrkräfte oder LRS-Beauftragte fehlen oder schulpsychologische Stellen überlastet sind. Das bedeutet für Eltern: Obwohl die Schule zuständig wäre, wird ihnen oft nahegelegt, extern eine medizinische Diagnose einzuholen. Dies ist jedoch nach der geltenden Verwaltungsvorschrift nicht erforderlich.

Diese Entwicklung sehe ich kritisch. Das Problem liegt in fehlenden innerschulischen personellen Ressourcen und solange wir mit Lehrermangel zu kämpfen haben, entwickelt sich die Situation leider in keine schülerfreundliche Richtung.

Wenn der LRS Test häufig nicht Klarheit bringt

Ich sehe in meiner lerntherapeutischen Praxis regelmäßig, wie durch scheinbar „schnelle“ Testungen manchmal falsche Schlüsse gezogen werden können.
Ein typisches Beispiel: Eltern stoßen bei ihrer online Suche auf einen kostenlosen LRS Test. Das Ergebnis wirkt eindeutig: „Ihr Kind hat eine LRS“. Was die Eltern nicht wussten: Einige dieser Tests schauen sich nur die Rechtschreibung an, nicht aber das Leseverständnis oder die Lesegeschwindigkeit. Das kann ggf. dazu führen, dass der eigentliche Förderschwerpunkt übersehen wird und wertvolle Zeit verloren geht.

Ein anderes Beispiel:
Ein Kind wurde in einer schulpsychologischen Beratungsstelle sehr differenziert getestet, inklusive IQ-Test. Doch das Jugendamt erkannte die Diagnose nicht an, weil sie nicht von einer medizinischen Fachstelle (z. B. einem Kinder- und Jugendpsychiater stammte.
→ Die Familie musste eine weitere Testung durchlaufen, mit zusätzlichem zeitlichem Aufwand, aber auch einer zusätzlichen emotionalen Belastung für das Kind.

Ein LRS-Test ist nur dann hilfreich, wenn er auch zum Ziel passt.
Und: Es braucht mehr als ein Testergebnis, nämlich eine ganzheitliche Einschätzung, die das Kind als Ganzes in den Blick nimmt.

„Diagnostik ohne Einbettung in Beobachtung und Gespräch verfehlt oft das Wesentliche.“ Dr. Günther Thomé

Blick in die Praxis: schulischer LRS Test in Klasse 5

In Baden-Württemberg ist der Lernstand 5 verpflichtend. Ergänzend steht den Schulen ein freiwilliger Rechtschreib-Check zur Verfügung; einige Schulen nutzen dafür auch andere Verfahren, z. B. die Hamburger Schreibprobe (HSP). Auf dieser Grundlage wird dann häufig festgestellt, das Kind habe Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, es wird einem LRS-Förderkurs zugewiesen und erhält einen Nachteilsausgleich.

Diese Verfahren sind pädagogisch sinnvoll gedacht und sollen Förderbedarfe früh sichtbar machen. Problematisch wird es jedoch, wenn aus schulischen Screening-Ergebnissen vorschnell von „LRS“ gesprochen wird und der Begriff dann doch unterschiedlich interpretiert wird.

Eine differenzierte Diagnostik, eine Ursachenklärung oder eine medizinische Abklärung (z. B. Hören und Sehen) findet dabei oft nicht statt. Dadurch bleibt unklar, wobei genau Unterstützung nötig ist und es besteht die Gefahr, dass Kinder über längere Zeit in allgemeinen Förderangeboten verbleiben, ohne dass ihre individuellen Lernvoraussetzungen wirklich berücksichtigt werden.

Weitere Abklärung, die ich bei einem Verdacht auf LRS empfehle

Ein LRS Test allein reicht oft nicht aus, um ein vollständiges Bild zu bekommen. Denn: Die Ursachen für Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten können sehr vielfältig sein. Deshalb ist es sinnvoll, bei einem konkreten Verdacht auf LRS auch weitere Abklärungen in Betracht zu ziehen – vor allem, um andere Einflussfaktoren auszuschließen.

Das können sein:

Hörfähigkeit
– Untersuchung durch HNO oder Pädaudiologie, z. B. bei Verdacht auf AVWS
– Wichtig: Kinder mit auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen wirken oft so, als hätten sie eine LRS – die Ursache ist aber eine andere

Sehfähigkeit
– Augenarzt oder Funktionaloptometrie
– Prüfen: Augenbewegungen, visuelle Wahrnehmung, Blicksteuerung

Feinmotorik / Graphomotorik
– Gerade bei Kindern mit sehr unleserlicher Schrift oder erhöhter Schreibbelastung

Kognitive Voraussetzungen
– IQ-Test (z. B. WISC), um allgemeine Lernschwierigkeiten abzugrenzen
– Wichtig für die Unterscheidung: LRS oder generelle Leistungsprobleme?

Aufmerksamkeit & Verhalten
– ADHS-Screening oder Diagnostik
– Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen zeigen oft sekundäre Lese-Rechtschreib-Schwächen

Emotionale Faktoren
– Angst, Schulvermeidung, geringer Selbstwert – auch das beeinflusst das Lernverhalten

Sprachentwicklung & Mehrsprachigkeit
– Logopädische Diagnostik bei Auffälligkeiten im Wortschatz oder der phonologischen Bewusstheit
– Bei Deutsch als Zweitsprache (DaZ): Unbedingt die Sprachkompetenz differenziert überprüfen

Entscheidungshilfe: Welche Anlaufstelle für welches Ziel?

Je nach Ziel der Diagnostik ist eine andere Fachstelle zuständig. Diese Übersicht hilft dir, den richtigen Weg zu finden.

Abklärung der Herausforderungen und schulische Unterstützung

Anlaufstellen:
– Beratungslehrer
– Schulpsychologische Beratungsstelle
– LRS-Beauftragte (am Schulamt)

Art der Diagnostik:
Pädagogisch-psychologisch orientiert

Kostenlos für Eltern

Antrag Jugendamt auf Eingliederungshilfe §35a SGB VIII

Anlaufstellen:
– Kinder- und Jugendpsychiater (KJP)
– Psychologische Psychotherapeuten

Art der Diagnostik:
Medizinisches Gutachten inkl. Intelligenztest, Diagnose nach ICD-10/ICD-11

Kosten: Die Diagnostik wird in der Regel von der Krankenkasse übernommen, ggf. fällt eine Gebühr für einen schriftlichen Bericht an

Abklärung der Herausforderungen, Förderung starten

Anlaufstellen:
Lerntherapeuten, Legasthenietherapeuten

Art der Diagnostik:
Pädagogische und förderorientierte Diagnostik mit dem Ziel, wo kann eine Förderung ansetzen

Kosten: In der Regel privat zu tragen (Ausnahme: evtl. Kostenübernahme durch das Jugendamt, wenn die Lerntherapie bewilligt wird)

LRS Test ist nicht gleich LRS Test – finde die passende Unterstützung für dein Kind

LRS Test ist nicht gleich LRS Test. Je nachdem, welches Ziel du verfolgst, gibt es unterschiedliche Wege und Anlaufstellen.

Wichtig ist:
Lass dich nicht von einem schnellen Testergebnis täuschen. Nur wenn klar ist, was genau getestet wurde, kannst du passende Schritte ableiten.
Bevor du eine neue Testung machst, sammle alle bisherigen Ergebnisse und sprich offen mit Fachpersonen darüber, wofür du den LRS Test benötigst.
So vermeidest du unnötige Doppeltestungen und kannst deinem Kind gezielt helfen.

Wenn du dir unsicher bist, welche Form der Diagnostik in deinem Fall sinnvoll ist, darfst du dir Unterstützung holen. Du musst den Weg nicht allein gehen.

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LRS Test und Angebote in der Lerntherapie

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