Rechenschwäche – alles Mythos? Was Schülern mit einer Rechenschwäche wirklich hilft und welche Mythen uns immer noch begleiten

Wofür steht der Fachbegriff Rechenschwäche?

Ist der Fachbegriff Rechenschwäche nur ein Mythos. Gibt es eine Rechenschwäche wirklich? In meiner Arbeit als Lerntherapeutin fördere und unterstütze ich Schüler und Schülerinnen und führe tagtäglich  Gespräche mit Lehrern und Eltern. Leider ist das Wissen um eine Rechenschwäche oder Dyskalkulie noch längst nicht so verbreitet wie das Wissen um eine LRS/Legasthenie. Noch immer gibt es Mythen, die weitergetragen werden, sich konstant in den Köpfen halten und nicht mehr den aktuellen Erkenntnissen entsprechen. Ich erkläre dir, was rechenschwachen Schüler wirklich hilft und warum der Fachbegriff Rechenschwäche nur einer von vielen ist. Teile meinen Beitrag und hilf mir mehr Bewusstsein für diese Schüler zu erreichen. Dieser Blogbeitrag ist im Rahmen des Aktionstages Legasthenie und Dyskalkulie am 30.9.2020 entstanden.

Aufklärung ist wichtig

Die Unsicherheit von Lehrern, Eltern und Betroffenen ist groß. Viele Lehrer fragen sich, wie kann ich Schüler mit einer Matheschwäche innerschulisch am besten unterstützen und wie wende ich die Verwaltungsvorschrift an? Wie kann ich meinen pädagogischen Ermessensspielraum nutzen?
Da sich einige Fragen in meiner Beratung immer wieder häufen, möchte ich heute gerne meine TOP 10 Mythen der Dyskalkulie vorstellen und diesbezüglich aufklären. Einiges bezieht sich dabei auf Baden-Württemberg (dann steht ein BW dahinter). Vieles ist aber auch allgemeingültig.

TOP 1: Viel Üben bringt viel

Immer wieder bekommen Schüler zu hören „jetzt üb doch endlich mal mehr“. „Würdest du mehr üben, wären deine Noten in Mathe besser!“ Liegt es wirklich am fehlenden Üben?

Schüler mit Rechenschwierigkeiten üben sogar richtig viel. Sie üben und üben und stecken viel Energie in die täglichen Hausaufgaben. Oft sitzen Sie mit den Eltern stundenlang am Nachmittag und rechnen Aufgabe für Aufgabe. Manchmal bis in die Müdigkeit hinein.

Leider wird jedoch oft am Schulstoff geübt und nicht an den Basiskompetenzen. Das mathematische Haus muss vom Fundament her aufgebaut werden. Wenn sich Lücken in den früheren Schuljahren zeigen, müssen diese erst geschlossen werden, bevor die nächste Stufe erklommen werden kann. Empfehlenswert ist es  eine Förderstandsdiagnostik bei einem erfahrenden Lerntherapeuten durchzuführen, um so Tipps für die weitere Unterstützung in der Schule oder daheim zu bekommen.

TOP 2 Ein Nachteilsausgleich hört nach Klasse 4 auf (BW)

Das ist leider nicht korrekt, auch wenn das viele Lehrer, Eltern und Andere standhaft glauben. Ich finde es so wichtig, dass Eltern über den jeweiligen Erlass Ihres Bundeslandes Bescheid wissen. Nicht immer, ist das Wissen innerschulisch vorhanden, umso wichtiger ist es, Lehrern Anlaufstellen zu nennen, wo sie fundierte Informationen erhalten.

RICHTIG: Ein Nachteilausgleich ist in allen Klassenstufen möglich. Es gibt Schulämter in Baden-Württemberg die viele nützliche Informationen zum Thema Rechenschwäche auf ihrer Website notiert haben, wo Lehrer sich informieren können.  Manchmal wird auf den Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie oder für BW auf die Informationen in Modul B vom Landesinstitut für Schulentwicklung verlinkt.

TOP 3 Kommt die Diagnose in der Abschlussklasse, gibt es keinen NTA mehr

Ein NTA ist immer möglich! Zu jedem Zeitpunkt. Leider kommt es vor, dass Eltern kommuniziert wird, dass ein Nachteilsausgleich in der Abschlussklasse nicht möglich sei. Eine Familie schilderte mir die Situation, dass ein NTA in der Abschlussklasse nur gewährt werden kann, wenn die Diagnose schon in einer der früheren Klassen gestellt worden wäre.

Für die Eltern kam diese Info überraschend, denn nach Artikel 3 GG ist ein Nachteilsausgleich immer zu gewähren und auch die Verwaltungsvorschrift lässt einen Nachteilsausgleich in höheren Klassen zu.

Für den betroffenen Schüler wurde zuerst aufgrund fehlender schulischer Informationslage keine Unterstützung angeboten. Daher empfehle ich Eltern, sich über die jeweiligen Regelungen zum Nachteilsausgleich zu informieren. Eine erste Anlaufstelle ist der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie. 

Mit gut informierten Eltern werden einige der Mythen um den „Fachbegriff“ Rechenschwäche aufgelöst.

Der Weg mit einer Dyskalkulie hört nicht nach Klasse 9 auf. Auch nach dem Schulabschluss ist es wichtig, dass die Schüler Unterstützung erhalten, sei es in der Ausbildung, beim Studium oder anderen Herausforderungen. Empfehlenswert sind die Jungen Aktiven, ein Zusammenschluss von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit einer Dyskalkulie oder Legasthenie. Es finden regelmäßig Treffen statt und man kann sich untereinander austauschen.

TOP 4 Das 1×1 üben wir einfach auswendig

Was glaubst du? Reicht das für ein tieferes Verständnis?

Ich erlebe immer wieder, dass Lehrer und Eltern mir berichten, dass das 1×1 ja doch eigentlich ganz sicher gekonnt wurde. Auf einmal jedoch, war alles wieder weg.

Viele Schüler lernen das 1×1 einfach auswendig, ohne Zusammenhang, ohne Strategie, ohne ein tieferes Verständnis. Aber es gibt einen logischen Aufbau, eine Struktur und erst wenn das Kind im Zahlenraum 100 in der Addition (+) und der Subtraktion (-) völlig sicher ist, erst dann wird das 1×1 geübt.

TOP 5 Der Knoten wird schon irgendwann platzen

Leider immer noch sehr verbreitet und einer der Mythen der Dyskalkulie, der sich hartnäckig in den Köpfen hält. Abwarten, der Knoten platzt schon irgendwann. Kinder lernen unterschiedlich schnell, von daher ist es manchmal sinnvoll dem jeweiligen Kind etwas mehr Zeit zu lassen. Aber Abwarten ist jedoch nicht immer zielführend. Nicht jedes Kind muss sofort zur Diagnostik und in Klasse 1 eine Dyskalkulie bescheinigt bekommen. Das wäre übereilt. Aber: Wenn auffällt, dass das Kind dem mathematischen Schulstoff nicht mehr folgen kann, sollte gehandelt werden. Mathematisches Wissen baut aufeinander auf und wenn Vorläuferfähigkeiten nicht ausgeprägt sind, kann darauf nicht aufgebaut werden. Die mathematischen Schwierigkeiten ziehen sich dann bis in die höheren Klassen. Je früher innerschulisch unterstützt wird, desto eher hat das Kind die Möglichkeit dem Stoff zu folgen. Daher ist es wichtig, Anzeichen frühzeitig zu deuten und zu reagieren.

Grundsätzlich braucht man auch keine Diagnose. Wenn der Schüler Schwierigkeiten im Mengen- und Zahlverständnis hat, braucht er Hilfe und das zügig, abzuwarten, bis die Lücken immer größer werden, kann oft sehr frustrierend sein. Daher gilt, je früher der Schüler unterstützt wird, desto eher kann der Schüler wieder mit Freude dem Matheunterricht folgen.

TOP 6  Nachhilfe wird es richten

Nachhilfe hilft doch immer, oder?

Leider nicht immer. Was viele nicht wissen, Nachhilfe setzt oft am Schulstoff an und mag für Schüler mit gravierenden Lese-Rechtschreib-oder Rechenschwierigkeiten nicht zielführend sein. Oft benötigt es, eine genau Lernstandsanalyse bzw. Förderdiagnostik, wo im mathematischen Haus ist der Schüler stehengeblieben, was ist aus früheren Schuljahren an mathematischen Basisstoff vorhanden, wo sind Lücken. Genau da setzt dann eine Förderung an.

Weitere Infos und der Vergleich zwischen Nachhilfe und Lerntherapie gibt es in meinem Blogartikel Nachhilfe oder Lerntherapie-was hilft?

TOP 7 Eine Matheschwäche oder Rechenschwäche gibt es gar nicht

Haben wir uns das alles nur ausgedacht? Ist die Rechenschwäche einfach nur ein Wort aus dem Duden?

Oft werden auch die Diagnosen Rechenstörung oder Dyskalkulie und der Fachbegriff Rechenschwäche durcheinander gebracht. Leider ist es für Außenstehende auch wenig transparent. Ich bin der festen Überzeugung, dass es egal ist, wie wir die Schwierigkeiten im mathematischen Bereich nennen. Jedes Kind mit Rechenschwierigkeiten hat unsere Unterstützung verdient, niederschwellig und unkompliziert und vor allem zeitnah.

TOP 8 Im Grund-Niveau (Realschule) ist eh alles einfach (BW)

Kurz zur Erklärung, in BW gibt es in der Realschule die Möglichkeit auf 2 Niveaustufen unterrichtet zu werden (ab Klasse 7), auf dem G-Niveau (Grundniveau) und dem M-Niveau (mittleren Niveau). Irrtümlicherweise war man in der Schule der Meinung, dass ein G-Schüler ja schon grundsätzlich auf einem so „einfachen“ Niveau sei, dass er bei einer Dyskalkulie im Fach Mathe nichts weiter tun könne. Aber auch hier macht es Sinn, diesen Schüler mittels eines Nachteilsausgleichs zu unterstützen. Das G-Niveau bezieht sich auf alle Fächer, der NTA dann gezielt auf die Dyskalkulie.

TOP 9 Dyskalkulie-Kinder gehören auf die Förderschule

Für mich eine Aussage, die ich immer wieder höre. Sie gehören nicht auf eine Förderschule.  Oft ist es die Unkenntnis darüber, dass Schüler mit einer Dyskalkulie nicht grundsätzlich einen allgemeinen Förderbedarf haben. Sie sind meistens durchschnittlich intelligent und haben nur in Mathematik gravierende Schwierigkeiten. Manchmal kann sich eine Dyskalkulie aber auch auf andere Fächer auswirken, da der Schüler sich selbst nichts mehr zutraut und in eine Negativspirale gerät. Aber fangen wir doch an, an ihn zu glauben und wandeln die Negativspirale in einer Positivspirale um! Ein gut ausgebildeter Lerntherapeut kann helfen, die Familie zu entlasten, die Hausaufgabensituation zu verbessern und wieder für entspannte Familiennachmittage sorgen!

TOP 10  Bei einer Matheschwäche = Note 5 in Mathe

Bei einer Dyskalkulie bekommt der Schüler ja eh eine 5 in Mathe auf dem Zeugnis…

…leider ist das einer der Mythen, der sich hartnäckig hält. Das ist jedoch nicht richtig. Manchmal ist eine Dyskalkulie  etwas Abstraktes. In einem Fall teilte man den Eltern mit, dass die Mathe Fachschaft sehr groß sei und die meisten Lehrer nur Mathe als Nebenfach hätten, daher wäre eine Schulung zum besagten Thema nicht zielführend. Leider war man auch der festen Meinung, dass  neben der 5 in Mathe noch eine 5 in Physik ab Klasse 7 hinzu. Die Schulform Realschule sei daher für diesen Schüler mit einer Dyskalkulie völlig falsch.

Wie fühlt man sich da als betroffene Mutter oder Vater? Sie können es sich vorstellen. Dyskalkulie hat nichts mit Dummheit oder Faulheit zu tun und das wird leider immer wieder vergessen. Geben wir doch auch diesen Kinder eine Chance ihren anderen ganz wundervollen Stärken einzubringen.

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Ich wünsche mir, dass viele Lehrer, Eltern und andere Interessierte diesen Beitrag lesen, fleißig teilen und bei Fragen auf mich zukommen. Dann schaffen wir es gemeinsam ein paar der Mythen Dyskalkulie ins Jenseits zu befördern und sich aus dem „Fachbegriff“ Rechenschwäche sich ein Verständnis für diese Kinder entwickelt.

Meine Vision: Wir schaffen es, jedem Schüler mit Rechenschwierigkeiten zeitnah, adäquat und niederschwellig zu helfen

 

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2 Comments

    • Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Was ist denn der Mythos, den Sie am häufigsten zum Thema Dyskalkulie hören? Lieben Gruß aus Villingen-Schwenningen.

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