Viele Kinder verbinden Mathe vor allem mit Frust und dem Gefühl: „Ich kann das sowieso nicht.“ Genau hier setzt die integrative Lerntherapie an, sie stärkt nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern vor allem die Lernmotivation und den Selbstwert.
Seitdem ich therapeutisches Zaubern in meine Lerntherapie integriere, erlebe ich dabei immer wieder, wie sich etwas bei meinen Schülern verändert, Schritt für Schritt. Oft beginnt es mit einem kleinen Moment in der Stunde: Ein Kind staunt, wird neugierig und will verstehen, wie der „Trick“ funktioniert. Freiwillig und mit großer Motivation setzt es sich mit Zahlen auseinander, probiert aus, rechnet nach und ist sehr fokussiert.
Die Kinder nehmen diese Erfahrung mit nach Hause, zeigen ihre Zauberkunststücke und machen dabei nicht nur Mathe, sondern erleben sich als wirksam und sind stolz auf das, was sie können. Sie entwickeln eine neue Motivation, sich weiter mit Zahlen und Rechnen zu beschäftigen.
Was ist therapeutisches Zaubern?
Wenn ich von Zaubern spreche, denken viele an Tricks, ein bisschen Magie und vor allem an jemanden, der etwas vorführt. Beim klassischen Zaubern steht in der Regel der Zauberer im Mittelpunkt.
Therapeutisches Zaubern® ist nicht einfach Zaubern zur Unterhaltung. Gerade der hypnotherapeutische Zugang macht therapeutisches Zaubern so wirksam: Er lenkt die Aufmerksamkeit auf Ressourcen und unterstützt Kinder darin, sich selbst als handlungsfähig zu erleben. Die Magie liegt nicht im Trick selbst, sondern in der gemeinsamen Interaktion, in der Kinder sich wirksam und kompetent fühlen.
Der Blick auf die Stärken eines Kindes gehört zum Kern lerntherapeutischer Arbeit. Was das therapeutische Zaubern für mich so besonders macht, ist, dass es genau dafür ein unglaublich kraftvolles Werkzeug bietet. Stärken werden nicht nur benannt, sondern unmittelbar erlebt und sichtbar gemacht. Gerade für Kinder, die im Lernen oft Unsicherheit oder Blockaden erleben, kann therapeutisches Zaubern Vertrauen aufbauen, Mut machen und das Gefühl von Selbstwirksamkeit stärken.
Hinweis:“ Therapeutisches Zaubern®“ nach Annalisa Neumeyer ist ein geschützter Begriff. Die Methode wird in speziellen Ausbildungen erlernt und zertifiziert.
Therapeutisches Zaubern in der Praxis: Was in der Zauberstunde passiert
Doch wie sieht das therapeutische Zaubern konkret in der Lerntherapie aus? Ich verrate hier natürlich nicht, wie die Kunststücke funktionieren, das gehört zu den goldenen Zauberregeln. Aber ich kann dir zeigen, was in den Momenten passiert, in denen ich therapeutisches Zaubern in die Lerntherapie integriere. Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass es aktive und passive Zauberkunststücke gibt, nicht alle Kunststücke erlernen die Kinder selbst. Wenn sie aktiv ein Zauberkunststück erlernen und vorführen, dann erwerben sie viele verschiedene Kompetenzen.
Aufmerksamkeit entsteht durch den Moment
Ein Zaubertrick gelingt nur, wenn jeder Schritt präzise und in der richtigen Reihenfolge ausgeführt wird. Meine Schüler sind dabei hochkonzentriert, aber nicht, weil sie „sich konzentrieren sollen“, sondern weil sie etwas zeigen wollen. Aufmerksamkeit entsteht hier nicht durch eine bestimmte Anforderung, sondern durch Bedeutung.
Mathe bekommt einen echten Sinn
Die Schüler lernen Zahlen strategisch zusammenzurechnen, somit ist auch eine Ergänzung bis zum nächsten Zehner ist oft keine große Hürde mehr. Das Rechnen bekommt einen Zweck. Es ist eingebettet in eine Handlung, die für das Kind bedeutsam ist. Und genau das verändert die Herangehensweise: Weg vom Vermeiden, hin zum Ausprobieren.
Fehler dürfen passieren und helfen weiter
Ein Fehler ist hier kein Beweis für „Ich kann das nicht“, sondern ein Teil des Prozesses. Wenn etwas nicht klappt, wird nicht abgebrochen, sondern weitergedacht. Beim therapeutischen Zaubern spricht man nicht von Fehlern, sondern von „Zauberpannen“ und auch das wird aktiv eingeübt und so entsteht aus dem Fehler eine Chance.
Ich kann das – Selbstwirksamkeit wird spürbar
Am Ende steht oft ein Moment, der für viele meiner Schüler neu ist: Ich habe etwas geschafft. Ich kann etwas, das andere nicht können. Ich kann andere überraschen und vor allem auch: Mathe kann auch Spaß machen. Dieses Erleben wirkt nach und genau hier beginnt die eigentlich Veränderung.
Was therapeutisches Zaubern bei Kindern bewirkt
Ich hätte nicht gedacht, wie kreativ und lebendig die Zauberstunden werden würden. In einer meiner Gruppen führten sich die Schüler gegenseitig eines der Kunsttücke vor und dann geschieht genau das, worüber sich viele meiner Schüler immer sehr große Gedanken machen: Ein Fehler passiert. Das kennen viele schon von der Schule und Fehler oder alleine schon die Angst davor, Fehler zu machen, blockieren gedanklich.
Bei der Durchführung eines Zauberkunststückes verrechnet sich der Schüler. Das Kunststück lief nicht so wie geplant. Doch statt abzubrechen oder ins Stocken zu geraten, sagte er ganz gelassen: „Ich denke mal, dass die Zauberpuste nicht ausgereicht hat. Ich brauche nochmal eure Hilfe. Also alle kräftig pusten“
Ich musste so schmunzeln, nach dem Pusten klappte alles ganz wunderbar und sein Kunststück bekam großen Applaus. Natürlich hatten wir das vorher intensiv geübt und uns überlegt, was ist wenn eine „Zauberpanne“ passiert, wie kann ich damit umgehen, wie kann ich das in mein Zauberkunststück einbetten. Aber das auch wirklich umzusetzen, das erfordert schon viel Gelassenheit. Auch ich als Erwachsene muss das immer auch aktiv einüben, bis es wirklich sitzt.
Ein anderer Moment: Eine Schülerin war überzeugt, dass ihr Kunststück nur mit ihrem Glitzerlippenstift funktioniert. Am nächsten Tag präsentierte sie einen Würfeltrick ganz stolz ihrem Vater und schick zurechtgemacht. Ich hätte mit so viel Kreativität gar nicht gerechnet und es entstehen dann wirklich ganz besondere Momente. Die Kinder folgen nicht einfach einer Anleitung, sie erschaffen ihren eigenen Zugang. Der Glitzerlippenstift wird Teil des Zaubers, die gemeinsame „Zauberpuste“ zur Lösung.
Was sich langfristig durch therapeutisches Zaubern verändert
Die Kinder erleben sich oft ganz neu. Sie gehen nicht mehr mit der inneren Haltung „Ich kann das nicht“ an eine Aufgabe heran, sondern mit dem Wunsch, etwas zu zeigen. Sie werden vom Übenden zum Handelnden, vom Unsicheren zu jemandem, der andere überraschen kann. Nicht nur bei den Schülern ändert sich ihre Haltung, ihr Selbstbewusstsein und ihr Bezug zum Fach Mathematik (und natürlich lässt sich das auch auf andere Fächer übertragen).
Auch meine Haltung als Lerntherapeutin hat sich verändert. Ich habe ein wirksames Tool für die Lerntherapie für mich gefunden, was ich regelmäßig in meine Förderung integrieren kann.
Ein persönlicher Einblick
Während ich diesen Artikel schreibe, bin ich selbst mitten in der Fortbildung zum therapeutischen Zaubern. Und ich hätte nicht gedacht, wie sehr mich diese zwei Tage vom ersten Modul schon jetzt geprägt haben. Ich bin unglaublich dankbar für diesen Austausch, für die Impulse und für die Menschen, die diesen Ansatz so lebendig machen.
Therapeutisches Zaubern in der Lerntherapie weiterdenken
Wenn du selbst in der Lerntherapie arbeitest und neugierig geworden bist, wie sich therapeutisches Zaubern integrieren lässt, findest du im Lerntherapeuten-Netzwerk Möglichkeiten zum Austausch. Vielleicht begegnen wir uns dort.
Manchmal sind es genau diese kleinen, besonderen Momente, die etwas in Bewegung bringen. Momente, in denen Kinder sich selbst anders erleben. Abonniere auch gerne meinen Newsletter, dann bekommst du regelmäßig Infos rund um die Themen, LRS, Rechenschwäche, individuelle Förderung und auch meine Impulse zum Thema therapeutisches Zaubern in der Lerntherapie.
Therapeutisches Zaubern lernen: Weitere Informationen und Möglichkeiten
Du bist neugierig geworden und möchtest therapeutisches Zaubern selbst in deine Arbeit integrieren? Hier findest du weitere Infos:
Bücher & Literatur
- Neumeyer, A. (2017). Wie Zaubern Kindern hilft (5. Aufl.). Klett-Cotta.
- Neumeyer, A. (2020). Positive Psychologie für Kinder und Jugendliche: 60 Übungen für mehr Mut, Glück und Zufriedenheit [Kartenset]. Beltz.
- Neumeyer, A. (2024). Einführung in das therapeutische Zaubern (3. Aufl.). Carl-Auer.
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