Nachhilfe oder Lerntherapie? Diese Frage stellen sich viele Eltern.
Hat dein Kind Schwierigkeiten beim Rechnen oder Lesen und du suchst Unterstützung in Mathe oder Deutsch? Vielleicht bist du dabei auch auf den Begriff Lerntherapie gestoßen und fragst dich, was genau der Unterschied ist und welche Form der Förderung passend ist.

Wenn die Noten schlechter werden oder der Schulstoff nicht mehr verstanden wird, ist der erste Gedanke ganz häufig: Wir brauchen dringend Nachhilfe. Doch nicht in jedem Fall ist Nachhilfe die passende Lösung. Den Unterschied zwischen Nachhilfe und Lerntherapie hat meine Kollegin Sabine Landua in ihrem Beitrag sehr anschaulich erklärt.

In meiner Arbeit als Lerntherapeutin erlebe ich jedoch immer wieder, dass viele Familien zunächst ausschließlich an Nachhilfe denken, weil dieses Angebot bekannt und vertraut ist. Oft wissen Eltern gar nicht, dass es darüber hinaus eine Form der Unterstützung gibt, die gezielt an den Grundlagen ansetzt und auch die emotionale Seite des Lernens berücksichtigt.

In diesem Blogbeitrag erfährst du

  • warum manche Kinder trotz Nachhilfe keine Fortschritte machen
  • welche Rolle fehlende Basiskompetenzen spielen
  • wie Lerntherapie anders arbeitet als Nachhilfe
  • wie Eltern aktiv in den Förderprozess eingebunden werden
  • warum Lerntherapie nicht nur das Kind, sondern die ganze Familie entlasten kann
Nachhilfe oder Lerntherapie
Nachhilfe oder Lerntherapie

Wie sich dieser Unterschied ganz konkret zeigt, wird häufig erst im Alltag deutlich – in den Gesprächen mit Eltern und in der Arbeit mit den Kindern selbst.

Zwei Beispiele aus meiner Praxis verdeutlichen das.

Leni, 9 Jahre: Mathe fällt mir einfach so schwer

Leni kam zu mir Ende der 2. Klasse. Sie war freundlich und sehr gewissenhaft. Gleichzeitig war sie im Fach Mathematik zunehmend frustriert. Ihre Eltern hatten früh reagiert. Seit etwa seit einem Jahr besuchte sie zweimal pro Woche eine Mathenachhilfe in einer Gruppe. Dort wurde der aktuelle Schulstoff wiederholt und geübt. Sie arbeitete zuverlässig mit und erledigte ihre Aufgaben, dennoch blieben die Fortschritte aus.

Im Gespräch schilderten die Eltern, wie viel Zeit und Energie bereits investiert worden war. Die Hoffnung war groß, dass sich mit genügend Übung eine Verbesserung einstellen würde.

In der Förderdiagnostik zeigte sich jedoch, dass Leni nicht nur einzelne Themen fehlten, sondern grundlegende mathematische Basiskompetenzen. Besonders deutlich waren das fehlende Mengenverständnis, Schwierigkeiten beim Stellenwertsystem und auch eine große emotionale Belastung. Rechenverfahren konnte sie teilweise anwenden, aber ohne ein tragfähiges Verständnis für die Zusammenhänge.

Solange Aufgaben genau dem geübten Muster entsprachen, funktionierte es. Sobald sich eine Kleinigkeit veränderte, geriet sie ins Stocken. Hier wurde deutlich: Es fehlte nicht an Fleiß oder Übung, sondern an einer stabilen Grundlage.

Erschwerend kam hinzu, dass der Nachhilfevertrag an feste Laufzeiten gebunden war. Ein Wechsel war nicht ohne Weiteres möglich, obwohl sich zeigte, dass diese Form der Unterstützung ihrem Bedarf nicht entsprach. Erst nach einer fachärztlichen Diagnose einer Dyskalkulie konnte der Vertrag vorzeitig beendet werden. Bis dahin war viel Zeit vergangen und die Frustration entsprechend groß. Was dieses Mädchen schon viel früher gebraucht hätte, war kein weiteres Arbeitsblatt zur schriftlichen Subtraktion, sondern ein strukturierter Neuaufbau der mathematischen Grundlagen.

Aaron, 8 Jahre: Ich habe große Schwierigkeiten beim Lesen

Aaron lernte ich Anfang der 4. Klasse kennen. Er war schon länger in einer Nachhilfe. Er sagt selbst sehr klar: „Ich habe große Schwierigkeiten beim Lesen.“ Im Unterricht zieht er sich zunehmend zurück, besonders wenn längere Texte gelesen werden sollen. Auch zu Hause fehlt immer häufiger die Motivation, weil Lesen für ihn mit Anstrengung und Misserfolg verbunden ist.

Die Entscheidung, dass Aaron eine Nachhilfe besucht, war zunächst nachvollziehbar. Ziel war es, ihn im aktuellen Schulstoff zu unterstützen. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass eine Lese-Rechtschreib-Störung vorliegt, mit besonders ausgeprägten Schwierigkeiten im Lesen.

In der Diagnostik zeigte sich, dass grundlegende Lesekompetenzen nicht vorhanden sind: Das Zusammenschleifen von Buchstaben zu Silben gelingt nur unsicher, es werden Buchstaben verwechselt und damit ist das Wortlesen sehr kraftaufwendig.

Unter diesen Voraussetzungen reicht es nicht aus, Texte auf Klassenstufenniveau zu üben. Notwendig ist eine gezielte Arbeit an den Basiskompetenzen, mit kurzen, klar strukturierten Einheiten, Material auf seinem tatsächlichen Leistungsstand und einem schrittweisen Aufbau, der Sicherheit vermittelt.

Erst wenn diese Grundlagen stabil sind, kann Leseflüssigkeit und damit auch ein Textverständnis sich entwickeln.

Nachhilfe oder Lerntherapie - neue Lesefreude wecken
Lesemotivation und Lesefreude wecken

Wann Nachhilfe sinnvoll ist und wann Lerntherapie notwendig wird

Nachhilfe ist dann sinnvoll, wenn einzelne Themen wiederholt werden müssen, wenn Unterricht versäumt wurde oder wenn gezielt für Klassenarbeiten gelernt werden soll. Voraussetzung ist jedoch, dass tragfähige Grundlagen vorhanden sind, an denen angeknüpft werden kann.

Eine Lerntherapie setzt an den Grundlagen an und findet klassisch im Einzelsetting statt. Vor der eigentlichen Lerntherapie wird eine sogenannte Förderdiagnostik durchgeführt. Lerntherapie beginnt bei der Frage: Wo steht das Kind wirklich? Welche Grundlagen sind stabil, welche nicht? Mittels Förderplan wird Schritt für Schritt an den Zielen gearbeitet. Ein enger Austausch zu weiteren Beteiligten wie z.B. dem Diagnostiker (bei einer diagnostizierten Dyskalkulie oder Legasthenie), zu Lehrern oder Ergotherapeuten/Logopäden ist wichtig und hilfreich. Der enge Kontakt zum Lehrer hilft, einen individuellen Nachteilausgleich für den Schüler festzulegen.  Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Lerntherapie ist die emotionale Stabilisierung des Kindes.

Warum viele Eltern zunächst an Nachhilfe denken

Nachhilfe ist ein vertrautes Angebot. Es wirkt unkompliziert und ist gesellschaftlich weit verbreitet. Der Begriff Lerntherapie hingegen kann zunächst verunsichern. Das Wort „Therapie“ klingt für manche Eltern schnell nach etwas Schwerwiegendem.

Dabei bedeutet Lerntherapie nicht, dass mit einem Kind „etwas nicht stimmt“.

Lerntherapie heißt, genau hinzuschauen, wo Grundlagen fehlen, und diese systematisch aufzubauen. Sie verbindet fachliche Förderung mit emotionaler Stabilisierung. Kinder erleben, dass sie lernen können, auf einem Weg, der zu ihnen passt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Einbindung der Eltern. Sie erhalten konkrete Hinweise, wie sie zu Hause sinnvoll unterstützen können, ohne zusätzlichen Druck aufzubauen. Zudem findet bei Bedarf ein Austausch mit Lehrkräften oder weiteren Fachpersonen statt, beispielsweise im Hinblick auf einen möglichen Nachteilsausgleich.

So entsteht ein unterstützendes Netzwerk um das Kind. Lerntherapie entlastet daher nicht nur den Schüler, sondern häufig auch die gesamte Familie. Hausaufgabensituationen entspannen sich, Konflikte nehmen ab, und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wächst wieder.

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Es geht nicht um mehr Üben, sondern um den richtigen Ansatz

Nachhilfe ist eine wertvolle Unterstützung, aber nicht für jedes Kind und nicht bei jeder Art von Lernschwierigkeiten.

Wenn die Ursachen tiefer liegen, braucht es mehr als Wiederholungen vom Schulstoff. Dann geht es darum, Grundlagen neu aufzubauen, Selbstvertrauen zu stärken und dem Kind wieder Sicherheit im Lernen zu ermöglichen. Lerntherapie bedeutet nicht nur fachliche Förderung. Sie bedeutet auch Begleitung, Austausch und Entlastung, für das Kind und für die Familie.

Wenn du unsicher bist, welche Form der Unterstützung für dein Kind passend ist, kann ein Gespräch helfen, die Situation genauer einzuordnen und gemeinsam den nächsten sinnvollen Schritt zu planen.

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4 Comments

  • Meine Tochter hatte eine Lungenentzündung und braucht nun dringend Mathe-Nachhilfe. Gut zu wissen, dass es einen Unterschied zwischen Nachhilfe und Lerntherapie gibt. Für meine Tochter wird aber Nachhilfe langen.

  • Danke für den tollen Beitrag, über die Nachhilfe. Ich würde sehr gerne meiner Tochte helfen, da sie sehr große Probleme in der Schule hat. Ich habe nicht gewusst, dass die Lerntherapie auch existiert.

    • Danke für den Kommentar. Ich freue mich, dass mein Blogpost dabei geholfen hat den Unterschied zwischen Lerntherapie und Nachhilfe besser zu verstehen. Lieben Gruß Susanne

  • Das ist ein sehr interessanter Artikel zur Nachhilfe oder Lerntherapie gewesen. Ich habe mir bereits einige Beiträge dazu durchgelesen. Vielen Dank.

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