Immer wieder fragen mich Eltern, wann eine Ergotherapie und wann eine Lerntherapie  bei einer Rechenschwäche für Kinder die richtige Unterstützung sein kann.  Kann ich als Lehrkraft den Eltern Ergotherapie auf Rezept empfehlen, damit sich die Matheschwierigkeiten lösen? Oder sollte ich besser eine integrative Lerntherapie in die Wege leiten? Du bekommst hier ganz konkrete Tipps an die Hand:

  • bei welchen Auffälligkeiten eine Ergotherapie hilfreich ist und wann eine Lerntherapie die bessere Wahl ist
  • wie du die richtige Unterstützung für dein Kind mit einer Dyskalkulie/Rechenschwäche findest
  • warum es manchmal kein „Entweder-oder“ gibt, sondern eine Zusammenarbeit der Therapeuten eine gute Lösung sein kann
  • warum bei einer Dyskalkulietherapie die Umfeldarbeit so wichtig ist
  • welche Rolle eine Prävention bei Lernschwierigkeiten spielt
Elke Kumar Ergotherapeutin und Lerntherapeutin

Im Gespräch mit Elke Kumar, Ergotherapeutin und integrative Lerntherapeutin haben wir die Grenzen einer Ergotherapie bei einer Dyskalkulie, aber auch die Möglichkeiten diskutiert.

Elke arbeitet in der Nähe von Heidelberg in eigener Praxis als Dipl.-Ergotherapeutin. Mittlerweile ist sie schon seit 18 Jahren selbständig tätig und ihr Schwerpunkt ist die Ergotherapie für Kinder. Sie hilft Eltern, den Entwicklungsstand ihres Kindes besser einzuschätzen und steht den Familien mit Coaching- und Therapieangeboten zur Seite. Außerdem hat sie berufsbegleitend eine 3-jährige Weiterbildung zur Lerntherapeutin absolviert und ist berechtigt, sowohl die Bezeichnung “KREISELlerntherapeutin” als auch die Bezeichnung “Dyskalkulietherapeutin nach BVL” zu führen.

Wie kann ein Ergotherapeut unterstützen, wenn ein Kind eine Rechenschwäche hat oder der Verdacht besteht?

Ergotherapeut:innen behandeln keine Dyskalkulie “auf Rezept” – das dürfen wir auch gar nicht. 

Ergotherapeut:innen behandeln jedoch Kinder mit z.B. Wahrnehmungsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, motorischen Entwicklungsstörungen, kognitiven Störungen (auch: Exekutivfunktionen), Dyspraxien oder anderen Handlungsstörungen – mit dem Ziel, dem Kind bedeutungsvolle Betätigungen in verschiedenen Alltagsbereichen zu ermöglichen. Umgang mit Geld und Zeit kann also dazu gehören – aber auch der Umgang mit Mengen und Zahlen. Auch sogenannte Aktivitäten zum Lernen gehören zu unserem Aufgabengebiet. Zufriedenstellendes Hausaufgabenmanagement kann z.B. ebenfalls ein Ziel sein.

Bei Kindern mit einer Dyskalkulie finden sich beispielsweise oft folgende Wahrnehmungsstörungen: 

  • Störungen in der taktil-kinästhetischen Wahrnehmung (auch: Entwicklung des Körperschemas, Unterscheidung von Raumrichtungen wie oben/unten, rechts/links, vorne/hinten am eigenen Körper, erschwertes Lernen des Zahlenschreibens
  • Störung der visuellen Wahrnehmung und visuell-räumlichen Verarbeitung (z.B. mit Beeinträchtigung der visuellen Erfassung von Mengen, erschwertes Erfassen von Längen- und Größenunterschiede, erschwertes Wahrnehmen von Winkeln, erschwertes Lernen der Arbeitsrichtung “von links nach rechts”, erschwerte Orientierung in “Räumen” – auch Zahlenräumen und Koordinatensystemen…)
  • Störung der auditiven Wahrnehmung (z.B. auditive Diskriminierungsschwäche mit undifferenzierter Wahrnehmung von beispielsweise gesprochenen Zahlwörtern, Merkfähigkeitsprobleme, wodurch Erläuterungen der Lehrperson nicht gut erfasst werden und ggf. auch Probleme bei der Zwischenspeicherung von Ergebnissen entstehen, etc.)

Man spricht hier auch von den sogenannten sensomotorischen Basisfähigkeiten, welche den höheren kognitiven Fähigkeiten zugrunde liegen. Als ergotherapeutische Maßnahme kann dann die sogenannte “sensomotorisch-perzeptive Behandlung” verordnet werden. Wir kümmern uns dann also um diese Grundlagen – im Zusammenhang mit dem Fokus auf eine für das Kind bedeutsame Alltagsbetätigung (z.B. mit dem eigenen Taschengeld umgehen können, das Spiel “Kniffel” spielen zu können, etc.) und ggf. auch in Kooperation mit anderen Fachbereichen wie z.B. der Logopädie.

Ergotherapie für Kinder

Es gibt gewisse Überschneidungen der Bereiche Lerntherapie und Ergotherapie für Kinder. So kann natürlich eine Lerntherapeutin durchaus sensomotorische Strategien nutzen, um das Kind in der Graphomotorik zu unterstützen. Dies ist aber keine Ergotherapie. Oder andersherum kann eine Ergotherapeutin ein Kind in Bauchlage auf ein Rollbrett legen und Mengenbilder abfahren lassen. Dies ist aber keine Lerntherapie. Therapeutisch wird es durch konkrete Zielsetzungen, Methoden, Materialien und bestimmte Prozesse – und da hat jeder Fachbereich eben ganz eigene.

Kann ein Ergotherapeut eine Dyskalkulietherapie durchführen?

Es ist sicherlich förderlich, wenn Ergotherapeut:innen Weiterbildungen zum Thema Rechenstörungen besuchen, um dadurch ein noch besseres Verständnis zu entwickeln. Interdisziplinäre Absprachen werden so leichter. Eine Dyskalkulietherapie ersetzen kann und darf eine Ergotherapie als Kassenbehandlung jedoch nicht.

Ergotherapie ist keine Lerntherapie – Elke Kumar

Ich selbst habe zunächst die dreijährige Berufsfachschulausbildung zur staatlich-anerkannten Ergotherapeutin absolviert und dann noch ein Studium zur Diplom-Ergotherapeutin drangehängt. Zusätzlich habe ich dann noch eine 1500-stündige Weiterbildung zur Lerntherapeutin absolviert. Diese Weiterbildung erstreckte sich auf einen Zeitraum von 3 Jahren. Ich kann also aufgrund dieser Erfahrung wirklich sagen, dass die Inhalte dieser umfassenden, ganzheitlichen, systemischen Weiterbildung in dieser Form nicht im Rahmen der Ergotherapieausbildung abgedeckt sind und auch nicht durch kurze Wochenendfortbildungen erworben werden können. Ergotherapie für Kinder ist eben keine Lerntherapie.

Durchaus möglich und legal ist es jedoch, wenn innerhalb einer Ergotherapiepraxis eine Lerntherapie als IGel-Leistung (= individuelle Gesundheitsleistungen: Leistungen, die Patienten grundsätzlich selbst bezahlen müssen, weil sie nicht zum Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenversicherungen gehören.) angeboten wird. Wirbt eine Ergotherapiepraxis mit der Bezeichnung Lerntherapie oder Dyskalkulietherapie, so ist aber wie beschrieben auf die Qualifikation der durchführenden Person zu achten. Als Elternteil würde ich hier durchaus gezielt nachfragen und mir auch Ausbildungszertifikate (mit Stundenumfang) zeigen lassen. Es gibt leider auch in unserem Berufsfeld einige schwarze Schafe.

Welche Grenzen hat ein Ergotherapeut bei der Förderung eines Kindes mit einer Dyskalkulie?

Rechtliche Grenzen gibt es insofern, dass in der Ergotherapie keine Behandlung auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen bei einer isolierten Lernstörung stattfinden darf.

In der Heilmittelrichtlinie kann man dies auch unter Anlage 1 “Nichtverordnungsfähige Heilmittel” nachlesen: “Als Indikationen, bei denen der Einsatz von Maßnahmen, deren therapeutischer Nutzen nachgewiesen ist, nicht anerkannt ist” werden isolierte Lernstörungen (wozu auch die Rechenstörung gehört) mit aufgeführt.“

Intensive Eltern- und Umfeldarbeit ist nicht durch ein Ergotherapierezept abgedeckt. Zwar findet Beratung statt, aber wir haben beispielsweise nur einmal pro Behandlungsfall (also nicht “pro Rezept”) die Möglichkeit, eine sogenannte Beratung zur Integration ins häusliche Umfeld” (wozu auch das Schulsetting gehört) durchzuführen. Seit 2022 kann diese Beratung bei chronischen Klienten mit langfristigem Heilmittelbedarf auch einmal pro Quartal stattfinden. Wir Ergotherapeuten müssen uns ja -zumindest bei den gesetzlichen Krankenkassen- an vorgegebene Rahmenbedingungen halten, während eine Lerntherapeutin da ja viel freier agieren kann. Entweder, indem Beratungspositionen von Anfang an als Pauschale mit eingepreist sind oder aber, indem sie nach Vereinbarung mit den Eltern/Kostenträgern abrechnet

Eine Lerntherapeutin gibt auch immer Tipps zum Nachteilsausgleich und kann mit der Schule in den Austausch gehen. Ergotherapeut:innen hingegen haben beispielsweise kaum fundierte Kenntnisse zum Thema Nachteilsausgleich in der Schule. Gerade das Thema Schnittstelle Schule / Transfer lerntherapeutischer Inhalte in die Schule sehe ich als wesentlichen Bereich einer Lerntherapie – in Kombination mit intensiver Elternarbeit.

Welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit ergeben sich zwischen Ergotherapie und Lerntherapie?

Ideal wäre natürlich, wenn sich die Beteiligten in der Ergo- und Lerntherapie inhaltlich absprechen könnten. Abhängig vom Krankheitsbild könnte dann z.B. in der Ergotherapie  schwerpunktmäßig an den sensomotorischen Grundlagen gearbeitet werden – und an einem für das Kind bedeutsamen Alltagsziel (Orientierung im Raum z.B.). In der Lerntherapie könnte es somit inhaltlich mehr z.B. um die konkreten Rechenoperationen gehen. Anderes Beispiel: Ein Kind mit einer Aufmerksamkeitsstörung könnte in der Ergotherapie konkrete Strategien erarbeiten, mit denen es sich selbst besser strukturieren kann (für z.B. Hausaufgaben- und Lernsituationen) – in der Lerntherapie wäre dann Zeit für andere Inhalte.

Auch der gesamte Bereich der Umfeldberatung kann durch eine Lerntherapie viel umfassender abgedeckt werden.

Umfeldarbeit – die ganzheitliche Vorgehensweise der Lerntherapie

Was empfiehlst du Eltern, wenn sie Unterstützung für ihr Kind mit einer Dyskalkulie suchen?

Ich würde ihnen empfehlen, sich Therapeut:innen zu suchen, die sich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt haben (nicht nur durch Wochenendveranstaltungen). Da die Begriffe Lerntherapeut, Dyskalkulietherapeut etc. nicht geschützt sind kann sich jede Person so nennen! Der Begriff allein (auf einer Homepage, in den Gelben Seiten, usw.) sagt also an sich wenig aus.

Zahlzerlegung in der Lerntherapie

Für die Behandlung einer Rechenstörung liegt zudem eine medizinische Leitlinie vor. Sie kann auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) eingesehen werden. Die neue Leitlinie gibt u.a. auch Hinweise bzgl. der Qualifikation der Behandler:innen (S. 31) und nennt z.B. als entsprechend qualifizierte Therapeut:innen solche, die eine Ausbildung nach Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie/ BVL, Fachverband für integrative Lerntherapie/ FiL oder durch Studiengänge mit dem Schwerpunkt Lerntherapie vorweisen können. Diese Fachverbände führen auch Adresslisten von qualifizierten Therapeut:innen.

Laut Leitlinie lassen Schwierigkeiten in Mathematik im Kindergartenalter und in der 1. Klasse auf ein Risiko für eine Rechenstörung schließen. Die Mathematikleistung schwankt in diesem Altersbereich jedoch noch und wird vor allem mit Beginn der 2. Klasse stabiler, wodurch die Diagnosesicherheit in diesem Altersbereich erhöht ist. 

Zur Diagnostik gibt es ebenfalls hilfreiche Empfehlungen in der S3 Leitlinie Rechenstörung, auch dazu, wer überhaupt eine Dyskalkulie diagnostizieren darf. Neben einem IQ Test wird immer auch ein standardisierter Rechentest durchgeführt. Mehr zur Diagnostik ist hier beschrieben und warum es Unterschiede zwischen einer medizinischen und pädagogischen Diagnostik gibt.

Aus meiner Sicht als Ergotherapeutin erscheint mir am sinnvollsten zunächst anhand einer ergotherapeutischen Diagnostik abzuklären, ob es Einschränkungen/ Störungsbilder im Bereich Vorläuferfähigkeiten fürs Rechnen oder andere Hinweise auf komorbide Störungsbilder gibt. Hier sind z.B. die Themenfelder der Wahrnehmung, Kognition, Aufmerksamkeit oder Motorik zu nennen.

Bei einer/m Lerntherapeut:in kann dann eine lerntherapeutische Diagnostik inkl. psychometrische Testverfahren durchgeführt werden. Liegen diese Informationen vor, kann besser abgewogen werden, ob eine Ergotherapie oder eher eine Dyskalkulietherapie angebracht wäre – oder ob sich beide Fachbereiche idealerweise ergänzen. Je jünger die Kinder, desto sinnvoller ist zunächst eine Ergotherapie (z.B. im Kindergartenalter). Eine relativ gute Diagnostik einer Rechenstörung kann etwa ab Ende der ersten Klasse erfolgen, weshalb es ab Schulalter dann zunehmend sinnvoller ist, die Lerntherapeut:innen mit ins Boot zu holen.

Welche Rolle spielt die frühzeitige Erkennung von Lernschwierigkeiten –  Stichwort Prävention?

Für Ergotherapeut:innen die  im Vorschulbereich tätig sind, ist es wichtig, über die Zusammenhänge von Auffälligkeiten im Vorschulalter (Grob- und Feinmotorik, Kognition, Wahrnehmung, Konzentration, Sprache) und späteren Schulschwierigkeiten Bescheid zu wissen.

C. Priß vom Deutschen Verband Ergotherapie (DVE) schreibt zur Bedeutung der Leitlinie Rechenstörung für Ergotherapeut:innen: “​​An dieser Stelle ist die Verantwortung der Ergotherapeuten hervorzuheben, die im Vorschulbereich arbeiten. Denn Risikofaktoren, wie Schwierigkeiten im visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnis oder in den exekutiven Funktionen sollten in der Ergotherapie auffallen. Ebenso ist im ergotherapeutischen Alltag das Wissen über die hohe Komorbidität von Dyskalkulie und Symptomen aus dem internalisierenden und externalisierenden Störungsspektrum sowie AD(H)S und ggf. entsprechenden Maßnahmen von Bedeutung. Meines Erachtens ist die S3-Leitlinie eine gelungene Hilfe für Ergotherapeuten, über den ergotherapeutischen Tellerrand hinaus wichtige Lebensbereiche und möglicherweise Schwierigkeiten der Kinder im Blick zu haben.”

Etwa 2-8% aller Kinder entwickelt laut der S3-Leitlinie eine Rechenstörung – trotz ausreichender Intelligenz! Meistens sind Anzeichen dafür bereits im Kindergartenalter erkennbar. Zu oft werden die Schwierigkeiten im Kindergartenalter aber noch verharmlost. “Das wächst sich schon raus” ist aber leider nicht immer richtig.

Es ist wichtig, Erzieher:innen und auch Eltern diesbezüglich zu sensibilisieren. Dies war mit ein Grund, weshalb ich meinen Online-Mitgliederbereich “Fit für die Schule – Vorschule online” gegründet habe, in denen ich Eltern und Fachkräften Hintergründe erkläre und ganz praktische Umsetzungsimpulse gebe, wie sie die Lernvoraussetzungen ihres Kindes unterstützen können – ganz ohne an ihm zu ziehen.

In meiner idealen Wunschwelt wären Ergo – und Lerntherapeut:innen ganz selbstverständlich auch an Kindergärten und Schulen angestellt – im Rahmen von multiprofessionellen Teams.

Vielen lieben Dank für das Interview Elke!

Mehr Informationen über Elke und ihre Arbeit findest du übrigens hier.

Tipps auf einen Blick

  • Es gibt bei der Wahl, ob Lerntherapie oder Ergotherapie für Kinder – insbesondere bei Rechenschwierigkeiten – nicht die eine perfekte Lösung. Oft ist es eine Kombination von Ergo- und Lerntherapie, manchmal aber auch nur eine reine Lerntherapie. Da jeder Schüler seine ganz individuellen Stärken und auch Herausforderungen mit sich bringt, lohnt sich genaues Hinschauen und eine enge Kooperation zwischen beiden Professionen.
  • Umfeldarbeit: – mit Schule, Elternhaus und weiteren Beteiligten ist eine große Stärke eines integrativen Lerntherapeuten und auch der innerschulische Nachteilsausgleich kann mithilfe eines Lerntherapeuten festgelegt werden. Bei basalen Schwierigkeiten in der Sensomotorik empfiehlt es sich einen Ergotherapeuten aufzusuchen.
  • Im Idealfall arbeiten beide als Bestandteil eines multiprofessionellen Teams an Schulen und können präventiv Schüler begleiten, fördern und stärken.

 

Ja, ich freue mich drauf

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