Der Austausch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut kann den Unterschied machen, das zeigt mir die Geschichte von Emil. Er kam Ende der 8. Klasse zu mir, seine Versetzung war gefährdet und damit auch sein Schulabschluss nach Klasse 9. Alle sechs bis acht Wochen sprach ich mit seiner Lehrkraft, wir definierten gemeinsam Unterstützungsmaßnahmen, einen individuellen Nachteilsausgleich und Wege, Emil positiv zu stärken. Am Ende schaffte Emil seinen Hauptschulabschluss und war in seiner Klasse einer der Ersten mit einem Ausbildungsvertrag.

Und trotzdem höre ich immer wieder in meinen Beratungen, dass einige Lerntherapeuten unsicher sind und denken: „Ich will nicht stören.“, „Die Lehrkräfte haben doch keine Zeit.“ oder „Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll.“

Diese Sorgen sind verständlich. Aber der erste Schritt in den Austausch mit der Lehrkraft ist oft einfacher als du glaubst und der Austausch kommt allen zugute: Der Lehrkraft, dem Lerntherapeuten und vor allem dem Schüler.

In diesem Artikel zeige ich dir, warum der Austausch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut kein Nice-to-have ist, sondern eine wichtige Grundlage für eine erfolgreiche lerntherapeutische Arbeit ist. Außerdem gebe ich dir 5 konkrete Tipps, wie ein erfolgreicher Austausch gelingen kann.

Warum viele Lerntherapeuten zögern und was wirklich dahintersteckt

Vielleicht kennst du folgende Mythen über Lehrkräfte:

  • „Lehrer haben nie Zeit!“
  • „Lehrer wissen doch alles besser!“
  • „Lehrer nehmen keine Hilfe von Externen an“

Und vielleicht denken Lehrkräfte auch über Lerntherapeuten:

  • „Da kommt jetzt jemand von außen und möchte mir erklären, wie ich meinen Unterricht gestalten soll.“
  • „Welchen fachlichen Hintergrund haben Lerntherapeuten überhaupt und was macht eine gute Lerntherapie aus?

Ich kann dich so gut verstehen. Auch mir ging es am Anfang meiner Tätigkeit als Lerntherapeutin ähnlich. Ich war auch unsicher, wie formuliere ich die E-Mail an die Lehrkraft, wann ist ein guter Zeitpunkt und ist mein Austausch überhaupt erwünscht? In den letzten Jahren habe ich allerdings so viele Gespräche geführt, dass ich anhand der Rückmeldungen sehr deutlich spüre, der Austausch ist für beide Seiten unheimlich gewinnbringend.

Gerne zitiere ich hier auch Pia Fest, Lehrerin und Lerntherapeutin aus Kassel: „Ich habe als Lehrkraft bisher erst einmal eine Nachricht eines Lerntherapeuten erhalten und es hat mich wirklich enorm gefreut. Ich glaube, dass manche Lehrkräfte die Zusammenarbeit mit Lerntherapeutinnen scheuen, weil sie Sorge haben, dass das der Lerntherapeut denken könnte, dass sie ihre Arbeit nicht gut machen (ich nehme mich da zu Beginn meiner Lehrzeit nicht aus).

Die Nachricht des Lerntherapeuten hat mir damals verdeutlicht, dass wir beide unsere Kompetenzbereiche haben und im Miteinander das volle Potenzial für den Schüler ausschöpfen können.“ Pia Fest, Lehrerin und Lerntherapeutin aus Kassel

In jeder Schulklasse sitzen statistisch 1–2 Kinder mit LRS und genauso viele mit Dyskalkulie. Wenn Lehrkraft und Lerntherapeut eng zusammenarbeiten, werden diese Kinder von zwei Seiten gleichzeitig unterstützt, das macht einen echten Unterschied. Eine Lerntherapie ist somit ganzheitlich und je enger Lehrkraft und Lerntherapeut zusammenarbeiten, desto besser gelingt die Förderung. Offene Kommunikation, gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung sind dabei eine wichtige Grundlage.

Austausch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut
Austausch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut

Umfeldarbeit gehört zur Lerntherapie

Lerntherapie ist immer ganzheitlich und das bedeutet: Der Austausch mit Lehrkräften ist fester Bestandteil. Der Fachverband Integrative Lerntherapie (FIL) definiert es folgendermaßen:

„Die Kooperation von Lerntherapeut*in, Eltern, Lehrkräften und ggf. weiteren Beteiligten ist ein wesentlicher Bestandteil der integrativen Lerntherapie, wobei Lerntherapeut*innen die fachliche Verantwortung tragen. Die Zusammenarbeit dient der Transparenz, dem Verständnis der Situation und der Abstimmung der Fördermaßnahmen.“…Die Gestaltung und Umsetzung des Nachteilsausgleichs […] sind wesentliche Aspekte der Umfeldarbeit.“ (Infobroschüre, FIL, 2025, S.14)

Der Austausch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut ist damit immer Teil der lerntherapeutischen Arbeit. Damit das gut gelingen kann, sind folgende Tipps hilfreich.

#1 Vorbereitung ist wichtig

Bereite dich vor. Klingt simpel, aber du kannst dir bereits im Vorfeld schon konkrete Fragen notieren. Damit werden auch kurze Gespräche sehr effektiv, zumal oft die Zeit knapp ist.

Für Lerntherapeuten: Mein Tipp arbeite zuerst einige Stunden mit dem Schüler und führe mit den Eltern ein Gespräch, bevor du das erste Lehrergespräch führst. Zeugnisse, alte Arbeiten und Unterrichtsmaterialien helfen dir, einen Eindruck über den Lernstand des Schülers zu erlangen.  Notiere dir im Vorfeld konkrete Fragen: Darf der Schüler Visualisierungshilfen im Unterricht nutzen oder bekommt er bei Arbeiten mehr Zeit? Wie groß ist die Klasse, wo sitzt der Schüler? Was ist seine größte Herausforderung?

Für Lehrkräfte: Notiere dir wichtige Fragen. Woran wird in der Lerntherapie gearbeitet, ist ein Förderplan erstellt worden, wo gibt es Schnittstellen oder auch bewusst Abgrenzungen zwischen der schulischen und der lerntherapeutischen Förderung? Wie arbeitet der Schüler im Einzelsetting, was läuft besonders gut, welche Dinge sind dem Lerntherapeuten aufgefallen?

#2 Schwerpunkt des Gesprächs – Fokus Schüler

Beim Gespräch geht es darum, den Schüler zu unterstützen, das ist das gemeinsame Ziel und dieser Fokus ist wichtig.

Wichtig ist, dass im Austausch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut der Schüler bestmöglich unterstützt und gefördert wird. Es ist hilfreich konkrete Absprachen zu treffen: Wie der Austausch in Zukunft erfolgen soll, wie oft, per E-Mail oder lieber telefonisch. Dabei können auch kürzere Gespräche sehr wertvoll sein.

#3 Wertschätzende Haltung

Beim Gespräch selbst ist es wichtig, eine offene und wertschätzende Haltung zu zeigen. Der Lerntherapeut sollte sich Zeit nehmen, um die Perspektive der Lehrkraft zu verstehen und auf seine Fragen und Anmerkungen eingehen, aber auch umgekehrt. Denn jeder ist Experte auf seinem Gebiet, der Lehrer kennt den Schüler aus dem Unterricht in der Klasse und der Lehrtherapeut aus dem engen Austausch 1:1 in der Lerntherapie.

Lerntherapeut: Es ist kann hilfreich sein der Lehrkraft Hintergrundwissen zur Verfügung zu stellen: Was ist Lerntherapie und wie sieht eine lerntherapeutische Förderung aus. Diesen Blogbeitrag „Was ist Lerntherapie, individuell, wirksam, nachhaltig“ teile ich gerne vorab per E-Mail und damit auch das vom Lerntherapeuten-Netzwerk aufgenommene und im Blogbeitrag verlinkte Video (Lerntherapie erklärt in 90 Sekunden).

Lehrkraft: Bringe Offenheit mit, denn der Lerntherapeut sieht den Schüler 1:1 in der Förderung und ggf. fallen ihm Dinge auf, die im Klassenverband sich anders äußern und somit können diese Erfahrungen für den Austausch hilfreich seien.

#4 Austausch über Fördermaterialien

Schüler mit LRS oder Rechenschwäche sind in einem bestimmten Fach oft weit vom Schulstoff entfernt. Im Austausch zwischen Lerntherapeut und Lehrkraft lässt sich gemeinsam herausfinden, welche Materialien, Methoden oder Anpassungen helfen können, sowohl im Unterricht als auch in der Förderung. Das verhindert, dass Lerntherapie und Schule nebeneinander arbeiten, statt miteinander.

#5 Austausch zum Nachteilsausgleich

Wichtig ist es auch, gemeinsam über schulische Unterstützungsmöglichkeiten zu sprechen. Wie kann ein Nachteilsausgleich gestaltet werden. Was hilft genau diesem Schüler? Wie kann die Lehrkraft einen Nachteilsausgleich im Klassenverband thematisieren, dass ein Schüler z.B. mehr Zeit oder Hilfsmaterial erhält oder am Tablet schreiben darf.

Lerntherapeuten fördern täglich Schüler mit Lernschwierigkeiten und haben einen Einblick in verschiedenen Schulen und können gezielt Tipps geben. Die Lehrkraft kann wiederum ihre Ideen im Gespräch schildern und hat den Blick auf den Schüler im Klassenverband. Durch den Austausch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut entstehen gemeinsam Ideen für einen wirksamen und individuellen Nachteilsausgleich, der dann in der Klassenkonferenz verankert werden kann.

Vorteile für Lerntherapeuten

Eine multiprofessionelle Zusammenarbeit mit der Schule und der Lehrkraft bringt nicht nur Vorteile für den Schüler, sondern auch für den Lerntherapeuten. Hier sind 5 Vorteile, die Lerntherapeuten haben, wenn sie in den Austausch mit der Schule und Lehrkräften treten:

  • Besseres Verständnis der Bedürfnisse des Schülers: Durch die Zusammenarbeit mit der Schule und der Lehrkraft kannst du als Lerntherapeut mehr über den Schüler und seine spezifischen Bedürfnisse erfahren. Dies kann dir helfen, die Förderung individuell an die Herausforderungen des Schülers anzupassen
  • Du kannst dich fachlich weiterentwickeln, denn du bekommst einen Einblick in die schulischen Fördermöglichkeiten, aber möglicherweise auch Grenzen
  • Mit jedem Gespräch wirst du gelassener und diese Erfahrungen helfen dir auch in der Förderung deiner Schüler
  • Stärkung des Berufsbildes: Eine enge Zusammenarbeit mit der Schule und Lehrkräften kann auch dazu beitragen, dass das Berufsbild der Lerntherapeuten gestärkt wird. Durch diese Kooperation kann der Wert der Lerntherapie als wichtige Unterstützung für Schüler mit Lernschwierigkeiten hervorgehoben werden.
  • Deine Fachexpertise wird bekannter und du baust dir ein wichtiges Netzwerk auf

Vorteile für Lehrkräfte

  • Bessere Einschätzung der Lernbedürfnisse des Schülers: Durch den Austausch mit dem Lerntherapeuten bekommst du Anregungen, wie du deinen Schüler im Unterricht gezielter unterstützen kannst und welche spezifischen Lernbedürfnisse er hat
  • Förderung einer positiven Einstellung zum Lernen: Im Gespräch erhältst du Tipps, wie du deinen Schüler motivieren, aber auch emotional stärken kannst
  • Austausch zum Thema Nachteilsausgleich/Notenschutz mit dem Ziel eines wirksamen und individuellen Nachteilsausgleichs
  • Fachliche Entlastung: Neben dem Nachteilsausgleich könnt ihr auch gemeinsam einen Förderplan erarbeiten

Austausch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut: Wer finanziert das?

Eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird:
Wer finanziert eigentlich den Austausch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut? Und gehören diese Gespräche selbstverständlich dazu oder sind sie eine zusätzliche Leistung? Die Antwort hängt vom jeweiligen Finanzierungsmodell der Lerntherapie ab.
Bei einer privat finanzierten Lerntherapie oder einer Förderung über das Jugendamt ist bei mir der Austausch mit der Lehrkraft bereits in der Monatspauschale enthalten. Bei einigen Lerntherapeuten wird er auch separat berechnet.

Für mich ist dieser Austausch jedoch kein Zusatz, sondern ein fester Bestandteil der Arbeit.
Denn Lerntherapie endet nicht mit der Förderung des Schülers, sie entfaltet ihre Wirkung erst dann richtig, wenn alle Beteiligten gemeinsam auf das Kind schauen. Deshalb plane ich Gespräche mit Lehrkräften von Anfang an mit ein und berücksichtige sie in der Monatspauschale. So entsteht ein kontinuierlicher Austausch, der dem Kind im Alltag wirklich hilft.

Wenn sich Lehrkräfte mit Fragen zu LRS oder Rechenschwäche direkt an Lerntherapeuten wenden, ohne dass ein Kind begleitet wird, handelt es sich in der Regel um eine fachliche Beratung und diese ist meist kostenpflichtig. Kleinere, allgemeine Fragen lassen sich oft unkompliziert klären. Für umfangreichere oder sehr individuelle Anliegen braucht es jedoch mehr Zeit und eine genauere Einordnung. Für solche Fragestellungen biete ich auch gezielte Beratungsgespräche für Pädagoginnen und Pädagogen an, in denen wir die Situation in Ruhe gemeinsam betrachten und einordnen.

Auch hier zeigt sich: Es geht nicht nur um einzelne Antworten, sondern darum, Zusammenhänge zu verstehen und sicher einordnen zu können. Deshalb begleite ich solche Fragestellungen auch über einzelne Gespräche hinaus und greife sie regelmäßig im Lerntherapeuten-Netzwerk auf, um Fachkräfte dabei zu unterstützen, diese Aspekte langfristig in ihre Arbeit zu integrieren.

Der erste Schritt lohnt sich

Der Austausch zwischen Lerntherapeut und Lehrkraft ist meiner Meinung nach kein Extra. Er ist der Kern guter lerntherapeutischer Arbeit. Umfeldarbeit bedeutet nicht Mehrarbeit, sondern mehr Wirkung für das Kind. Und je sichtbarer Lerntherapeuten in diesem Miteinander werden, desto mehr etabliert sich Lerntherapie als das, was sie ist: eine unverzichtbare Unterstützung für Kinder mit LRS und Rechenschwäche.

Also: Öffne deine E-Mail, schreibe die erste Zeile und schaue, was passiert.

Was sind deine Erfahrungen beim Austausch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut? Schreib es gerne in die Kommentare, ich freue mich auf den Austausch.

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