„Eigentlich klappt das Lesenlernen ganz gut. Mein Kind hat nur Schwierigkeiten in der Rechtschreibung.“
Genau diese Aussage höre ich in meinen Beratungen sehr häufig. Sie wirkt zunächst beruhigend und doch zeigt sich im weiteren Gespräch oft, dass diese Einschätzung eher subjektiv ist. Denn welche Fähigkeiten beim Lesen tatsächlich sicher entwickelt sind, bleibt im Alltag häufig unklar.
Lesen ist ein komplexer Prozess. Schwierigkeiten zeigen sich nicht immer sofort und nicht immer dort, wo sie vermutet werden. Gerade in großen Klassen ist es für Lehrkräfte zudem eine große Herausforderung, die Lesekompetenzen aller Schülerinnen und Schüler differenziert im Blick zu behalten.
Lehrereinschätzungen und Auswirkungen auf die Leseförderung
Eine Studie der Uni Wien (aus dem Jahr 2010 von Schabmann und Schmidt) zeigt auf, dass Ende der vierten Klasse 50 % der Lehrkräfte die Leseleistung ihrer leseschwachen Schüler als gut oder sehr gut einschätzen.
Die Anzahl, der Schüler, die im Bereich Lesen eine Förderung benötigen, ist allerdings viel höher. Laut dieser Studie erhalten zu wenige Schüler eine Förderung, die eine benötigen. Denn in der Regel sind es die Lehrkräfte, die die Schüler auswählen, die getestet oder gefördert werden sollten. Genau diese schätzen die Schüler oft zu gut ein. Es ist daher unabdingbar, diese Lesekompetenzen der Schüler genauer unter die Lupe zu nehmen. um dann weitere Fördermaßnahmen passgenau in die Wege zu leiten.
Warum einfach „mehr“ üben nicht ausreicht
Kinder mit Leseschwierigkeiten geben sich meist große Mühe: Sie lesen langsam, konzentriert und oft unter hoher Anstrengung. Das Problem liegt jedoch häufig nicht im mangelnden Üben, sondern darin, dass grundlegende Leseprozesse noch nicht automatisiert sind.
Wenn Buchstaben-Laut-Verbindungen, das Zusammenschleifen von Lauten oder das sichere Erfassen von Silben noch bewusst gesteuert werden müssen, verbraucht dieser basale Leseprozess sehr viele geistige Ressourcen. Für das Verstehen des Inhalts bleibt dann kaum Kapazität übrig. Lesen wird mühsam, fehleranfällig und frustrierend, auch dann, wenn das Kind regelmäßig liest. Genau deshalb ist es so wichtig, gezielt zu überprüfen, auf welcher Ebene der Leseentwicklung Schwierigkeiten bestehen. Erst wenn die Basisfertigkeiten ausreichend gefestigt und automatisiert sind, kann Lesen flüssiger werden und sich auch positiv auf das Leseverständnis auswirken.
Warum Basiskompetenzen die Basis fürs Lesenlernen sind
In einem der letzten Netzwerktreffen hatten wir Diplom-Pädagogin Claudia Scherling zu Gast. Sie ist Verlegerin und Herausgeberin der Lesikus®-Programme und hat den Leo-Lesetest mitentwickelt.
Sie berichtet von überraschenden Ergebnissen bei der Normierung des Leo-Lesetests, denn viele Schüler in der 5. und 6. Klasse haben Schwierigkeiten mit Buchstaben-Laut-Verbindungen, Umlauten, Zwielauten und seltenen Lauten. Das sind in der Regel Kompetenzen, die in der weiterführenden Schule vorausgesetzt werden.
Wenn die grundlegenden Lesefertigkeiten und die Lesetechnik, nicht ausreichend automatisiert sind, ist das Lesen anstrengend, fehleranfällig und auch langsam. Das führt dazu, dass im Gehirn nicht genügend Kapazitäten für das Verstehen des Inhalts zur Verfügung stehen. Nur, wenn die Grundlagen sitzen, ist ein schnelles, sicheres und auch flüssiges Lesen möglich.
Dies verdeutlicht die Notwendigkeit, auch in der Sekundarstufe verstärkt auf Förderung zu setzen. Sinnvollerweise sollte dies auf einer Ebene sein, wo der Schüler Schwierigkeiten hat. Das bedeutet, dass auch in der Sekundarstufe ein Üben an den Basiskompetenzen (Buchstabe-Laut-Verbindungen/Silbengliederung) von großer Bedeutung ist.
Basisfertigkeiten – Was ist das genau?
Die Basiskompetenzen des Lesens sind die grundlegenden Fertigkeiten, die Kinder benötigen, um Wörter sicher zu entziffern. Dazu gehören die Graphem-Phonem-Korrespondenzen (Buchstaben-Laut-Zuordnung), die Fähigkeit zur Lautsynthese (aus einzelnen Lauten ein Wort bilden), das Durchgliedern von Wörtern in Silben sowie die Automatisierung der Lesetechnik. Im Folgenden gehe ich genauer auf die Basiskompetenzen ein:
Phonologische Bewusstheit (im weiteren Sinne)
- Silben erkennen (Silben klatschen, Silben zählen)
- Reime erkennen und selbst Reimwörter finden
Phonologische Bewusstheit (im engeren Sinn)
- Anlaute und Endlaute heraushören (z.B. „Mit welchem Laut beginnt „Haus“?“).
- Laute in Wörtern identifizieren und vergleichen (gleich/verschieden).
Lautsynthese und Lautanalyse
- Einzellaute zu einem Wort zusammenschleifen (z.B. /sch/ – /a/ – /f/ → „Schaf“).
- Wörter in Einzellaute zerlegen (Segmentieren) und die Reihenfolge korrekt angeben
Auditive Wahrnehmung
- Geräusche unterscheiden und zuordnen
- Gesprochenes bei Umgebungsgeräuschen verstehen, Wortfolgen merken
Welche Möglichkeiten gibt es, die Basisfertigkeiten zu testen?
- informell
- Tedel
- Leo-Lesetest
überarbeite ich gerade….
Teilfertigkeiten, die fürs genaue, flüssige Lesen benötigt werden
Folgende Teilfertigkeiten, die fürs Lesenlernen wichtig sind, sind relevant
- Buchstaben-Laut-Verbindungen (Lesesicherheits- und Buchstaben-Erkennungsgeschwindigkeit)
- Lesegenauigkeit/Lesesicherheit (Silbenlänge, ein-/mehrsilbig, ohne/mit Mitlauthäufungen)
- Gliederung der Wörter in Sprechsilben
Warum gezielte Förderung nur auf einer klaren Grundlage gelingen kann
Lesenlernen ist ein komplexer Entwicklungsprozess, der auf vielen kleinen, miteinander verknüpften Fertigkeiten aufbaut. Schwierigkeiten beim Lesen entstehen daher selten zufällig und lassen sich nicht durch „mehr Üben“ allein beheben.
Erst wenn klar ist, welche Basiskompetenzen sicher entwickelt sind und wo noch Unsicherheiten bestehen, kann Förderung gezielt ansetzen. Ohne diese Grundlage besteht die Gefahr, dass Kinder an Fähigkeiten arbeiten, die sie bereits beherrschen, während grundlegende Schwierigkeiten unbeachtet bleiben. Das kostet Zeit, Kraft und führt häufig zu Frustration.
Eine differenzierte Betrachtung der Basiskompetenzen ermöglicht es, Förderung passgenau zu planen, Überforderungen zu vermeiden und Kindern genau dort Unterstützung zu geben, wo sie sie benötigen.
Wer Lesenlernen nachhaltig begleiten möchte, ob als Elternteil, Lehrkraft oder in der Förderung, braucht deshalb vor allem eines: eine klare Standortbestimmung. Sie ist der Schlüssel dafür, dass Förderung wirksam wird und Lesen Schritt für Schritt sicherer, flüssiger und verständlicher gelingt.
Einfach mehr lesen zu üben ohne Konzept, das nicht evaluiert ist, ist wenig zielführend
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