Tipps Leseförderung – auch für ältere Schüler

Benötigen Sie Tipps zur Leseförderung? Möchten Sie als Eltern Ihr Kind unterstützen oder brauchen als Lehrer Anregungen?

Denn Lesen ist eines der zentralen Themen im Unterricht. Ich erschließe mir lesend neue Inhalte, egal in welchem Fach. Sicheres, genaues und flüssiges Lesen ist damit wichtig in und außerhalb der Schule.

Aber was kann ich tun, wenn ein Schüler mehr Unterstützung benötigt?

Viel lesen bringt viel?!

Gerade in diesen etwas turbulenten Zeiten, wo Eltern und Schüler mehr auf sich alleine gestellt sind, braucht es leicht umsetzbare und praxisnahe Tipps.

Was leseschwachen Schülern weniger hilft

Bevor ich zu den Tipps komme, ein kleines Beispiel aus der Praxis. (Auszug aus einem Elternbrief des LRS Kurses der weiterführenden Schule)

„Es ist sinnvoll, dass ein Kind mit LRS jeden Tag 15 Minuten liest. Es wäre gut, wenn Sie Ihrem Kind …. ein Jugendbuch zur Verfügung stellen…, in dem es regelmäßig liest, gerne auch laut vorliest.“

Für Schüler mit einer LRS erscheint ein ganzes Buch wie ein riesiger Berg an Material, was kaum zu schaffen ist. Ein Vater berichtete mir, dass sich sein Sohn ein tolles Buch zum Lesen herausgesucht hatte. Nachdem ich einen Blick drauf geworfen hatte, erkannte ich, dass es eher etwas für Klasse 2-3 war. Das Kind hatte das Buch inzwischen auswendig gelernt, kam so aber der Aufgabe nach ein Buch zu lesen und berichtete in der Schule stolz von seinen Bemühungen. Besser wäre es kurze interessante Texte zu empfehlen und Übungen, wo der Schüler sich intensiv mit dem Text beschäftigen muss. Pauschal lesen zu empfehlen für alle, finde ich nicht hilfreich, es sollte schon das richtige Lesematerial sein. Gut finde ich, dass empfohlen wird, laut zu lesen.

5 Tipps zur Leseförderung

1. Tipp Förderdiagnostik

Ganz wichtiger Aspekt bei Leseschwierigkeiten. Lassen Sie beim Schüler eine Förderdiagnostik durchführen. Entweder in der Schule, beim Beratungslehrer, einem Lerntherapeuten oder Facharzt. Bei stark verlangsamten Lesern oder Schülern mit starken Schwierigkeiten beim Textverständnis, ist eine Diagnostik oder ein Screening sehr hilfreich. Ich erfahre, wo im Leselernprozess der Schüler stehen geblieben ist. Erst dann kann ich eine gezielte Förderung aufbauen. Nur viel lesen ist für Schüler die schon bei einzelnen Wörtern Schwierigkeiten haben, kontraproduktiv, sie fangen dann an zu raten und erschließen sich den Text über Hypothesen, über die Herleitung aus ihrem Vorwissen. Das geht manchmal auch einige Jahre gut, spätestens in der weiterführenden Schule reicht das nicht aus, denn dann werden die Texte komplexer, nicht nur im Fach Deutsch. Manchmal kommen dann auch Schwierigkeiten im Fach Mathematik hinzu, da die Textaufgaben ungenau gelesen werden. Möchten Sie wissen, welche Diagnostik ich verwende? Dann gibt es hier weitere Infos zur ELFE II.

Apropos Diagnostik, empfehlenswert, ist auch immer eine augenärztliche  und pädaudiologische Abklärung.

2. Stufenweiser Aufbau

Üben Sie mit systematisch geordnetem Material (z.B. mit den Phonemstufen von Carola Reuter Liehr). Hier gibt es viel Material auf dem Markt, auch fürs Üben daheim. Sinnvoll wäre es, sich gezielte externe Unterstützung zu holen oder zumindest eine Begleitung bei der Umsetzung. Sobald klar ist, wo die Leseförderung ansetzen sollte, können die Eltern auch daheim weiter üben.

Solange wir noch auf der Stufe des genauen Lesens sind, ist es wichtig ungeübtes Material zu verwenden. Wie oft erlebe ich in Klasse 1, dass mir ein Schüler ganz stolz seine Fibel zeigt und sagt: „Frau Seyfried, darf ich dir mal auf S. 39 vorlesen? Ich kann es sogar schon auswendig!“ Und das Kind fängt dann an zu „lesen“. Manchmal werden Texte in der Schule so oft gelesen, dass die Schüler mit einem guten Arbeitsgedächtnis diese Texte einfach auswendig lernen.

Näheres zu den Phonemstufen habe ich in meiner Online Veranstaltung am 6.8.2020 erklärt. Wenn Sie es verpasst haben, kein Problem! Die Vortragsfolien und eine Aufzeichnung gibt es gerne auf Nachfrage. Mein Sommerprogramm geht bald weiter (10.9.2020 Thema Nachteilsausgleich).

3. Kurze motivierende Texte

Klingt simpel, aber wo finde ich die?

Wie schon beschrieben, geben Sie Schülern, die sich noch sehr schwer mit dem flüssigen Lesen tun, kein ganzes Buch. Die gut gemeinte Geste kann zum Gegenteil führen, zu noch mehr Frust und Demotivation. Wenn Schwierigkeiten auf der Wortebene sind, üben Sie mit strukturiertem Wortmaterial. Wenn es hier schon sicher ist, gehen Sie zu kleinen Texten über. Sinnvoll sind Texte, die das Kind interessieren und wo es sich als „Experte“ sieht. Eine halbe bis eine ganze Seite Text sind am Anfang völlig ausreichend.

Eine befreundete Lerntherapeutin hat einen Text aus der Bravo herausgesucht zum Thema „schöne Haare“, genau das Interessengebiet des Mädels.  Den Text hat sie für ihre Schülerin individuell angepasst und konnte so auch einen Teenager zum Lesen motivieren.

Wenn von Anfang an spannende Texte und strukturiertes Material genommen werden, ist die Chance viel höher, dass der Schüler am Ball bleibt. Er erlebt kleine Erfolgserlebnisse und kann wieder Freude am Lesen entwickeln. Vielen Dank Tina fürs Teilen dieser tollen Idee (Tina ist selbständige Lerntherapeutin in Bayern, schaut doch gerne mal bei ihr vorbei).

4. Lautes Lesen

In einer Studie (Nix, Rieckmann & Trenk-Hinterberger, 2007) zum Thema Laut-Lese-Tandems zeigt sich, dass insbesondere lautes Lesen einen Effekt auf die Lesegeschwindigkeit hat. Üben Sie daher mit Ihrem Kind daheim oder in der Schule das laute Lesen. Bitten Sie nicht Ihr Kind mit einem Buch in seinem Zimmer zu verschwinden und zu lesen. Es wird womöglich nicht davon profitieren. Lautes Lesen kann aber nur sinnvoll sein, wenn es in einem geschützten Rahmen ist (nicht vor der ganzen Klasse).

5. Nachteilsausgleich in der Schule

Hier können Sie als Eltern oder auch als Lehrer aktiv werden. Merken Sie, dass Ihr Schüler/Ihr Kind ungern vorliest oder sogar gravierende Schwierigkeiten hat, sich schämt beim Vorlesen? Dann bringen Sie diesen Schüler nicht in die Situation des lauten Vorlesens. Lesen ist für diese Schüler sehr mühsam und das laute Vorlesen kann zu mehr Frust führen und das Kind fühlt sich „vorgeführt“.

In Klassenarbeiten mag es sinnvoll sein, dem Schüler die Aufgaben vorzulesen (bei gravierenden Leseschwierigkeiten) oder er hat die Möglichkeit sich nach seinem Tempo die Aufgabenstellung mit Hilfe eines Lesestifts vorlesen zu lassen. Fokussieren Sie sich auf die Stärken des Schülers und ermöglichen Sie ihm einen Nachteilsausgleich. Auch als Eltern können Sie den Lehrer drauf ansprechen und um einen Nachteilsausgleich bitten. Oft finden sich ganz individuelle Lösungen, um diesem Schüler zu helfen.

Möchten Sie noch mehr Tipps?

Dann kommen Sie gerne in meine Facebook Gruppe.

Ich freue mich auf Sie.  Ihre Susanne Seyfried ♥

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Comments

  • Hallo Frau Seyfried,

    ich bin seit kurzem in Ihrer Gruppe bei Facebook, weil ich sehr an dem Thema Leseschwierigkeiten und Dyskalkulie interessiert bin. Ich selbst bin Grundschullehrerin an einer Brennpunkt-Schule. Nebenbei habe ich in den letzten 3 Jahren ein Aufbaustudium für das Lehramt für Förderschulen gemacht. Ab dem kommenden Schuljahr werde ich in den Bereichen hineinschnuppern und mich vordergründig um die Kinder mit Lernschwierigkeiten kümmern. Das Studium war leider sehr theoretisch und ich habe wenig Material für die Praxis bekommen. Auch an unserer Schule haben wir keine Absprache, was Diagnostik angeht. Jeder probiert für sich herum… Daher finde ich Ihre Informationen und Erfahrungen sehr, sehr spannend.
    Sie sprechen von einer gründlichen Diagnostik mit einem Screening. Das sehe ich genauso! Leider nennen Sie keine Verfahren.
    Welche Verfahren bzw. Screenings nutzen Sie in der Praxis in Deutsch und Mathematik, für LRS und Dyskalkulie? Können Sie mir welche empfehlen? Mich interessieren auch sehr Ivrer Erfahrungen zu der systematischen Förderung .
    Leider kann ich an dem Kurs zur Leseförderung heute Abend nicht teilnehmen…
    Ich würde mich freuen von Ihnen zu hören.

    Herzliche Grüße,
    Sonia Cholewa

    • Liebe Frau Cholewa, vielen Dank für Ihre Nachricht. Ein Verfahren habe ich auf meiner Seite näher beschrieben ELFE II zur Lesediagnostik, in Kombination mit dem SLRT II (Lese- und Rechtschreibdiagnostik). Zwei weitere Testverfahren stelle ich heute Abend vor. Bezüglich Mathe melde ich mich gerne in einer persönlichen email an Sie. Lieben Gruß Susanne Seyfried

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