Ein Schüler, der Lesen sonst eher vermeidet, wollte plötzlich von sich aus weiterlesen. Ein anderer Schüler schrieb so viel wie noch nie. Genau das hat mich wirklich bewegt, weil ich im Vorfeld nicht wusste, wie viel das Buch „Luis kann (noch) nicht lesen von Heike Becker bewirken kann. Die Schüler haben nicht nur gelesen und geschrieben. Sie haben erlebt und gespürt:
Ich bin mit meinen Schwierigkeiten nicht allein.
Genau solche Momente sind in meiner lerntherapeutischen Arbeit an Schulen entstanden. In einem Schulprojekt mit dem Buch „Luis kann (noch) nicht lesen“ habe ich mit Schülern über LRS, Ausgrenzung, Mut, Stärken und Unterstützung gesprochen.
Das Projekt habe ich an zwei Grundschulen umgesetzt. An beiden Schulen arbeiteten wir über drei Unterrichtsstunden mit dem Buch. Lesen war dabei immer wieder integriert: Ich habe vorgelesen, in die Geschichte eingeführt, wir haben gemeinsam innegehalten, gesprochen, geschrieben, gezeichnet und plötzlich wollten manche Kinder selbst weiterlesen.
Dieser Blogbeitrag zeigt, wie Lerntherapie in der Schule konkret aussehen kann: mit einem Buch über LRS, Gesprächen mit Schülern, Mutmachsätzen, Zeichnungen und mit Schülern, die über sich hinauswachsen.
Ein LRS Buch als roter Faden: „Luis kann (noch) nicht lesen“
„Luis kann (noch) nicht lesen“ von Heike Becker ist ein Mutmachbuch für Kinder. Es erzählt von Luis, dem Lesen schwerfällt. Luis erlebt Unsicherheit, Ausgrenzung und das Gefühl, nicht so zu sein wie die anderen.
Genau das macht das Buch so wertvoll für die Arbeit in der Schule, denn Luis ist nicht einfach eine Figur in einer Geschichte. Luis wird für viele Kinder zu einer Brücke. Über Luis können Kinder sprechen, ohne sofort über sich selbst sprechen zu müssen. Sie können sagen, was Luis fühlt, was Luis braucht und auch, was ihm helfen könnte. Oft steckt darin schon ganz viel von dem, was sie selbst kennen.
In meinem Beitrag „Kinder mit Psychoedukation und Visualisierung stärken“ habe ich bereits beschrieben, warum es Kinder mit LRS und Dyskalkulie so stärkt, wenn sie ihre Lernschwierigkeiten besser verstehen und wenn abstrakte Themen durch Bilder, Symbole und Geschichten greifbar werden. Dieser Beitrag geht nun einen Schritt weiter in die Praxis: Er zeigt, wie genau diese Idee in der Schule lebendig werden kann, mit einem Mutmachbuch und Schülern, die emotional gestärkt werden. Fachlich gehört das zur Psychoedukation, was ich weiter unten noch genauer beschreibe.
In einer Lerntherapiegruppe einer Grundschule von vier Schülern wurde deutlich, wie sehr das Buch Schüler mit einer LRS stärken kann. Die Kinder kamen aus zwei verschiedenen Klassen und kannten sich untereinander ein wenig, aber manche mochten sich nicht besonders. Es gab Unsicherheiten und auch erste Ausgrenzungstendenzen innerhalb der Gruppe. Genau deshalb war das Thema aus dem Buch sofort nah an ihrer eigenen Wirklichkeit. Das Buch gab mir die Möglichkeit, genau diese Themen, neben der LRS, innerhalb der Gruppe aufzugreifen.
Kinder mit Lernschwierigkeiten erleben oft nicht nur fachliche Schwierigkeiten. Sie erleben auch Vergleiche, Scham, Rückzug oder das Gefühl, anders zu sein. Manchmal fühlen sie sich allein mit dem, was sie nicht können. Und manchmal versuchen sie, diese Unsicherheit zu überspielen.
Luis gibt diesen Erfahrungen einen Raum.
So lief das Buchprojekt ab: lesen, sprechen, schreiben, zeichnen
Zu Beginn habe ich aus „Luis kann (noch) nicht lesen“ vorgelesen und die Kinder in die Geschichte eingeführt. Wir haben nicht einfach „ein Buch gelesen“, wir haben immer wieder angehalten und geschaut:
- Was passiert gerade mit Luis?
- Wie fühlt er sich?
- Warum lachen andere Kinder über Luis?
- Was macht das mit einem Kind, wenn es merkt: Ich kann etwas nicht so gut wie die anderen?
- Was könnte Luis jetzt helfen?
Aus diesen Fragen entstanden Gespräche über LRS, über Mobbing, über Stärken und Schwächen und darüber, dass kein Kind nur aus dem besteht, was ihm schwerfällt. Ein wichtiger Moment war das ein kurzer Text mit rückwärts geschriebenen Sätzen und der Frage „Kannst du das lesen?“.
Mir ging es dabei nicht darum, die Kinder zu überfordern. Viele kennen selbst, wie anstrengend Lesen sein kann. Mir ging es darum, sichtbar zu machen, dass Lesen eine echte Leistung ist. Es passiert nicht einfach nebenbei, es braucht Aufmerksamkeit, Strategien, Zeit und viele kleine Schritte.
Besonders schön war, dass nicht automatisch der stärkste Leser aus der Gruppe zuerst auf die Lösung kam, sondern ein Schüler, der sich sonst eher im Hintergrund hält. Plötzlich konnte er punkten, er hatte eine Strategie, konnte der Gruppe helfen und erlebte sich als wirksam. Genau solche Momente sind in der Lerntherapie so wertvoll und zeigen, wie hilfreich auch eine Gruppendynamik sein kann.
Danach konnten wir anders über Luis sprechen. Die Kinder hatten nicht nur gehört, dass Lesen schwer sein kann. Sie hatten erlebt: Es braucht Anstrengung, aber mit Ruhe, Ausprobieren und kleinen Schritten kann man weiterkommen. Auch die Botschaft auf dem Arbeitsblatt war wichtig: Luis ist nicht dumm. Sein Gehirn verarbeitet Buchstaben und Laute anders.
Im weiteren Verlauf sprachen wir darüber, wie sich Luis fühlt, als er gemobbt wird, was ihm helfen könnte und warum jeder Mensch Stärken und Schwächen hat. Dann schrieben die Kinder Mutmachsätze für Luis. Die Satzanfänge halfen ihnen, Worte zu finden:
Luis, du bist nicht dumm, weil …
Ich finde es mutig, dass du …
Wenn ich dein Freund wäre, würde ich …
Es ist okay, dass Lesen schwer ist. Das Wichtigste ist, dass du …
Diese Sätze waren viel mehr als eine Schreibaufgabe. Die Kinder machten Luis Mut und auch sich selbst. Es wurde eifrig gezeichnet, geschrieben und Luis Mut gemacht.
Einblicke aus dem Luis Projekt: Mutmachsätze, Texte und Zeichnungen
Im Projekt sind Mutmachsätze, kleine Texte und Zeichnungen entstanden. Ich zeige hier einige Schülerarbeiten anonymisiert, weil man an ihnen sehr gut sieht, worum es in der Arbeit mit Luis ging: Die Kinder haben geschrieben, obwohl Schreiben für viele von ihnen anstrengend ist. Sie haben nach Worten gesucht, Luis Mut gemacht und dabei oft auch etwas über sich selbst gezeigt.
Viele Sätze mich sehr berührt:
„Ich finde toll, dass du trotzdem weiter kämpfst.“
„Luis, du bist nicht dumm, weil du dir Mühe gibst.“
„Wenn ich dein Freund wäre, würde ich dir sagen, dass du nicht aufgeben sollst.“
Gerade diese Sätze zeigen, wie ernsthaft die Kinder über Luis nachgedacht haben. Sie sehen nicht nur seine Schwierigkeiten, sie sehen seine Stärken und sie machen ihm Mut. Außerdem formulieren sie etwas, das für viele Kinder mit LRS wichtig ist: Du bist mehr als das, was dir schwerfällt.
„Jetzt helfen wir Luis!“ – was sich bei den Kindern verändert hat
Einer der schönsten Sätze aus dem Projekt war:
„Jetzt helfen wir Luis!“
Dieser Satz hat mich sehr berührt, denn in diesem Moment waren die Schüler nicht mehr nur die Schüler, denen geholfen wird. Sie wurden selbst zu Helfenden. Sie hatten verstanden, dass Luis Unterstützung braucht und sie konnten ihm etwas geben: Mut, Worte, Verständnis. Ein anderes Kind sagte: „Jeder kann etwas gut.“ Auch dieser Satz ist so einfach und gleichzeitig so wichtig.
Denn genau darum geht es in der Lerntherapie in der Schule: Kinder nicht auf ihre Schwierigkeiten zu reduzieren. Nicht nur zu sehen, was noch nicht klappt. Sondern auch sichtbar zu machen, was da ist: Stärken, Ideen, Humor, Mut, Mitgefühl, Durchhaltevermögen.
Am Ende der Stunde traten die Schüler nach vorne und lasen ihre Mutmach-Sätze vor. Für manche war das fast wie eine kleine Aufführung. Lesen und Vorlesen, sonst oft mit Unsicherheit oder Scham verbunden, wurde plötzlich zu einem Moment von Stolz.
Besonders eindrücklich war auch, dass ein Schüler, der sonst kaum schreibt, in diesem Projekt so viel geschrieben hat wie noch nie. Das hat er auch selbst gesagt und für sich reflektiert und war selbst ganz überrascht. Er hat für sich in dieser Stunde eine Schreibmotivation gefunden, die vorher noch nie da war. Ihm war es wichtig, Luis etwas mitzugeben.
Diese Mutmachsätze wurden von den Schülern gefaltet, so dass es aussah wie ein echter Brief. Einige schrieben ihren Namen drunter und zeichneten noch etwas. Alles, was wir erarbeitet haben, wird auf Wunsch der Schüler an Heike Becker, die Autorin, weitergeleitet. Dadurch bekommt das Schreiben eine echte Empfängerin. Die Kinder erleben so, dass ihre Worte ankommen und ihre Gedanken wichtig sind.
Warum Schüler mit LRS mehr als Übung brauchen
Im ersten Moment könnte man vielleicht denken: Wir haben ein Buch gelesen, darüber gesprochen und anschließend Mutmachsätze geschrieben. Für mich steckt darin aber viel mehr, denn als Lerntherapeutin schaue ich nicht nur darauf, ob ein Kind ein Wort richtig liest oder einen Satz fehlerfrei schreibt. Ich schaue auch darauf, wie ein Kind über sich selbst denkt, ob es sich etwas zutraut, ob es Strategien entwickelt und ob es erlebt: Ich kann etwas bewirken.
Genau hier setzt lerntherapeutisches Fachwissen an. Kinder mit LRS brauchen natürlich gezielte Förderung im Lesen und Schreiben. Aber sie brauchen auch Erklärungen, die sie verstehen können. Sie brauchen Entlastung von Gedanken wie „Ich bin dumm“ oder „Ich kann das sowieso nicht“. Und sie brauchen Situationen, in denen sie erleben, dass sie etwas beitragen können.
Der Fachbegriff dafür ist Psychoedukation. Er klingt sperrig, meint aber etwas sehr Lebensnahes: Kinder verstehen besser, warum ihnen Lesen und Schreiben schwerfallen kann. Sie bekommen Worte für ihre Schwierigkeiten, können falsche Zuschreibungen abbauen und erleben, dass es Wege gibt, die helfen.
Genau deshalb war der Austausch mit Heike Becker, der Autorin von „Luis kann (noch) nicht lesen“, für mich so wertvoll. Gemeinsam haben wir überlegt, welche Impulse den Kindern helfen können, Luis nicht nur als Buchfigur zu erleben, sondern als jemanden, in dem sie eigene Erfahrungen wiederfinden. Daraus entstanden Gesprächsanlässe, Aufgaben und Mutmachsätze, die das Buch mit der Lebenswelt der Kinder verbinden.
Psychoedukation ist dabei kein einmaliges Erklären. Es reicht nicht, Kindern einmal zu sagen: „Du hast LRS, dein Gehirn arbeitet anders.“ Wirksam wird es, wenn Kinder es immer wieder verstehen, erleben und mit ihrer eigenen Situation verbinden können. Im Luis-Projekt passierte das über das Vorlesen, über Gespräche, über den Perspektivwechsel mit den rückwärts geschriebenen Sätzen, über das Nachdenken über Mobbing und über die Mutmachsätze für Luis.
Auch wissenschaftlich ist diese Verbindung gut beschrieben: Psychoedukation wirkt nicht nur über Wissen, sondern auch über Entlastung und Handlungsmöglichkeiten. Wenn Kinder verstehen, warum ihnen etwas schwerfällt, kann das Scham und Selbstabwertung reduzieren. Wenn sie sich in eine Figur wie Luis hineinversetzen, entsteht Empathie. Und wenn sie merken, dass ihre Worte Luis stärken können, erleben sie sich selbst als wirksam.
Gerade deshalb brauchen wir solche Projekte in der Schule. Denn Kinder mit Lernschwierigkeiten erleben nicht nur fachliche Hürden. Sie erleben auch Vergleiche, Frust, manchmal Ausgrenzung und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Ein Buch wie „Luis kann (noch) nicht lesen“ kann dafür ein Türöffner sein, wenn es fachlich gut begleitet wird.
Für mich zeigt das LRS Buch Luis deshalb sehr deutlich: Lerntherapie in der Schule ist mehr als Üben. Sie verbindet fachliche Förderung mit Verstehen, emotionaler Entlastung, Empathie und Selbstwirksamkeit.
Wenn Kinder sich verstanden fühlen, kann Lernen wieder möglich werden
Das Luis-Projekt hat mir noch einmal sehr deutlich gezeigt, wie viel entstehen kann, wenn Kinder nicht nur üben, sondern verstehen, fühlen und sich einbringen dürfen. Lesen und Schreiben standen natürlich im Mittelpunkt, aber eben nicht als reine Leistungssituation, sondern eingebettet in eine Geschichte, in Gespräche, in Mutmachsätze und in echte Verbindung.
Für viele Kinder mit LRS ist Lesen mit Anstrengung, Unsicherheit oder Scham verbunden. Umso wertvoller war es zu erleben, dass Kinder plötzlich weiterlesen wollten, dass sie Luis Mut gemacht haben und dass sie beim Schreiben nicht einfach eine Aufgabe erledigt haben, sondern wirklich etwas sagen wollten.
Genau darin liegt für mich die Kraft von Lerntherapie in der Schule: Sie kann Kinder fachlich begleiten und gleichzeitig ihr Selbstbild stärken. Sie kann erklären, warum etwas schwerfällt, ohne ein Kind darauf zu reduzieren. Sie kann Räume schaffen, in denen aus „Ich kann das nicht“ langsam ein „Ich kann es noch nicht“ wird.
Die Kinder haben Luis Mut gemacht und dabei oft auch stärkende Worte für sich selbst gefunden. Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke aus diesem Projekt: Wenn Kinder sich verstanden fühlen, wenn sie merken, dass sie nicht allein sind und dass ihre Worte Bedeutung haben, kann neue Motivation entstehen.
Luis kann noch nicht lesen. Aber Luis kann etwas bewegen.
In der Schule, in der Gruppe und in Kindern, die über sich hinauswachsen.
Danke!
Danke an Heike Becker für den wertvollen Austausch in den letzten Wochen. Danke, für dieses wunderbare Buch und dass du dich für Schüler mit LRS einsetzt und das Thema Mobbing in den Fokus rückst, an Schulen in Gelsenkirchen. Danke auch an Dorothea Thomé, dass ihr mit euren Verlag einen Beitrag für Schüler mit LRS leistet.
Zum Weiterlesen: Unsere Buch-Rezension vom Lerntherapeuten-Netzwerk

Zum Weiterlesen: Kinder mit Psychoedukation und Visualisierung stärken

Zum Weiterlesen: Betzold-Blog (Mit Kindern über Lernstörungen sprechen

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