Es war Zeugniszeit und ich wusste, dass dieses Zeugnis mir große Sorgen machen würde. 1996 war ich 17 Jahre alt und ging in die 11. Klasse eines Berliner Gymnasiums. Auf dem Halbjahreszeugnis stand zwar nur eine 5 in Geschichte, dazu kamen aber viele Vierer, ehrlicherweise mehrere 4 minus. Aber für mich fühlte es sich an, als wäre längst alles entschieden. Mehrere Lehrkräfte hatten bereits angekündigt, dass ich zum Schuljahresende in weiteren Fächern eine 5 bekommen würde. Eigentlich hätten also schon auf diesem Zeugnis vier Fünfen stehen können. Mir war klar, wenn es so weiterging, würde ich sitzenbleiben.
Eine Ehrenrunde wäre an sich nicht das Schlimmste gewesen. Viel schlimmer war der Gedanke, dass sie mir an dieser Schule nichts gebracht hätte. Ich hatte das Gefühl, dass die Lehrkräfte mich längst aufgegeben hatten und meine Noten unabhängig davon feststanden, was ich noch tat. Es schien alles so endgültig und genau das machte etwas mit mir.
Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade „Wie meine Schulzeit mich geprägt hat“ von Nicole Gerbatsch. Danke für den Anstoß, liebe Nicole. Beim Schreiben ist mir bewusst geworden, wie sehr ein einziges Zeugnis prägen kann. Ohne dieses schlechte Zeugnis hätte ich vermutlich nie erfahren, wie viel noch in mir steckte. Es geht mir in diesem Blogbeitrag und persönlichem Rückblick nicht nur darum, dass Noten wenig über einen Menschen aussagen. Es geht viel mehr darum, was entstehen kann, wenn man sich von ihnen nicht festlegen lässt.
Als ich wusste, ich werde sitzenbleiben
Was mich damals viel mehr beschäftigte als die schlechten Noten selbst, war der Umgang meiner Lehrkräfte damit. Mein Geschichtslehrer sagte mir wörtlich:
„Du hattest doch die letzten Jahre immer eine 4. Warum soll ich dir jetzt eine andere Note geben?“ Mein Geschichtslehrer, Klasse 11, Gymnasium Berlin
Am Ende wurde daraus sogar eine 5, ausgerechnet in meinem Profilfach.
In diesem Halbjahr, damals in Klasse 11, an meiner Schule hatte ich immer mehr das Gefühl, dass es gar nicht mehr darum ging, was ich aktuell leistete oder wie sehr ich mich anstrengte. Das Bild, das die Lehrkräfte von mir hatten, schien längst festzustehen.
Und es begann eine Negativspirale, aus der ich nicht mehr herauszukommen schien: Die Lehrkräfte glaubten nicht an mich, die Noten schienen sowieso festzustehen, und meine Leistung sank, weil ich mich kaum noch im Unterricht meldete. Hier habe ich doch eh keine Chance, meine Noten zu verbessern, dachte ich. Ich hatte aber ein Ziel, ich wollte Abitur machen und ich war der festen Überzeugung, das schaffe ich auch, nur nicht hier, nicht hier an diesem Ort, an dieser Schule.
Der Weg über Rathaus Schöneberg
Ich hatte einen Plan und wollte die Schule wechseln, innerhalb Neuköllns von einem Gymnasium zum nächsten. Ich wusste aber nicht, dass es so kompliziert werden würde. Kompliziert wurde es vor allem, weil ich eine ungewöhnliche Fremdsprachenfolge hatte. Meine erste Fremdsprache war Latein ab Klasse 5, dann Englisch ab Klasse 7 und Spanisch ab Klasse 9. Weil das den Schulwechsel erschwerte, musste ich dafür persönlich im Rathaus Schöneberg vorsprechen. Alleine schon das große Gebäude flößte mir Respekt ein.
Dort wurde ich, jedenfalls fühlte es sich für mich so an, ziemlich lange befragt. Die Fragen waren freundlich, aber auch spürbar skeptisch. Warum wollte ich wechseln? Was machte mich so sicher, dass ich an einer anderen Schule bessere Noten haben würde? Wie wollte ich den fehlenden Stoff in Französisch aufholen? Hatte ich Unterstützung? Stehen meine Eltern hinter mir. Das waren viele Fragen.
Ich war 17 Jahre alt und musste einer fremden Behörde meine Motivation und meinen Wunsch, die Schule zu wechseln überzeugend vermitteln. Mein Vater war zwar dabei, ich fühlte mich trotzdem sehr verloren und unsicher.
Der Wechsel wurde schließlich genehmigt, allerdings nicht ohne Auflagen. An der neuen Schule gab es weder Latein noch Spanisch, also musste ich Französisch wählen, das hieß, dass meine 2 Wochen Ferien vor allem eins bedeuteten: Lernen! Ich musste mich verpflichten, in 2 Wochen 6 Monate Französisch nachzuholen.
6 Monate Französisch in 2 Wochen
Französisch war für mich zu diesem Zeitpunkt eine Sprache, von der ich buchstäblich keine Ahnung hatte. Genau diese Sprache musste ich nun in sehr kurzer Zeit lernen. Was ich hatte, war eine Kassette – ja, die gab es damals noch – und ein Französischbuch. Ich wusste genau, bis zu welcher Seite ich aufholen musste, um mit der neuen Klasse gleichzuziehen.
Ich saß jeden Tag mit dem Buch da und versuchte, mir diese fremde Sprache selbst beizubringen. Nebenbei hörte ich die Kassette rauf und runter. Einige Lieder habe ich heute noch im Kopf, so oft hatte ich sie gehört. Geholfen haben mir dabei vor allem zwei Menschen: eine liebe Freundin, die sich Zeit für mich nahm, und mein kleiner Bruder, der gerade erst in der siebten Klasse mit Französisch angefangen hatte und mir trotzdem schon weit voraus war. Aber das, was er konnte, war nur ein Bruchteil von dem, was ich lernen musste. Denn 7. Klasse war nicht 11. Klasse.
Ich habe in dieser Ferienzeit sehr viel gelernt. Das ist mir wichtig zu erwähnen, denn meine Noten verbesserten sich später nicht einfach deshalb, weil plötzlich jemand nett zu mir war. Ich musste Lücken in Französisch schließen und mich in einer neuen Umgebung zurechtfinden. Aber an der neuen Schule bekam ich endlich die Chance, diese Leistung auch zu zeigen.
Hier kannte mich niemand. Keine Lehrkraft hatte bereits die Noten der vergangenen zwei Jahre im Kopf. Ich erinnere mich noch genau an eine Unterrichtsstunde, in der ich dachte: Warum meldet sich hier eigentlich niemand aus meiner Klasse? Die Frage von der Lehrerin ist doch super leicht. Dann meldete ich mich selbst und es fühlte sich gut an. An der alten Schule hatte ich mich das oft nicht mehr getraut. Ich hatte mich verändert.
Mit mir wechselte zum Halbjahr niemand aus meiner alten Klasse. Erst am Ende der elften Klasse erfuhr ich, dass fünf weitere Mitschüler aus ganz ähnlichen Gründen die Schule gewechselt hatten. Zu sehen, dass ich mit meinem Problem nicht allein gewesen war, tat unglaublich gut.
Die Lehrerin, die an mich glaubte
Den größten Unterschied an der neuen Schule machten die Lehrkräfte, vor allem meine Französischlehrerin. Sie wusste, dass ich mehrere Monate Stoff nachholen musste, und sie nahm es mir nicht übel, wenn mir am Anfang etwas durcheinandergeriet. Ständig verwechselte ich Spanisch mit Französisch. Ich weiß noch, wie ich an die Tafel ging, völlig motiviert anfing zu schreiben, mich umdrehte und sie mich anlächelte. Ich schaute nochmal an die Tafel und erkannte, dass ich Spanisch geschrieben hatte, dabei war ja hier die Französischstunde. Nach 2,5 Jahren Spanisch, war es nicht leicht, auf einmal Französisch zu lernen und auch noch soviel aufzuholen, zu tief steckte ich noch in Spanisch drin.
Die erste Klassenarbeit in Französisch war eine 2 minus. Darauf war ich extrem stolz. Ein weiteres Halbjahr später stand ich auf 1- Im mündlichen Abitur war dieses Fach mit 14 von 15 Punkten (1-) mein stärkstes. Auch in mehreren anderen Fächern verbesserten sich meine Noten innerhalb weniger Monate deutlich. Am Ende von Klasse 1, also nur wenige Monate nach meinem schlechten Zeugnis war ich in fast allen Fächern mindestens eine Note besser.
- Mathe von 4 auf 2
- Physik von 4 auf 3
- Chemie von 4 auf 2
- Bio von 3 auf 2
Ich war dieselbe Schülerin, hatte aber wenige Monate später ein komplett anderes Zeugnis. Auch heute noch, wenn ich es in den Händen halte, fühlt es sich ganz komisch an. Es macht mich stolz und gleichzeitig denke ich, das kann doch eigentlich gar nicht sein.
In den Ferien hatte ich zusätzlich viel gelernt, aber das galt nur für Französisch um überhaupt mithalten zu können. Zusätzlich musste ich in Deutsch noch eine Lektüre in den Ferien lesen, aber das war machbar. In allen anderen Fächern lernte ich genau wie an der alten Schule, ich machte nichts anders. Der Unterschied lag woanders: Ich spürte, dass die Lehrkräfte an mich glaubten und meine Stärken sahen. Das hat etwas mit mir gemacht, ich wurde so auch mutiger, mich mündlich stärker einzubringen.
Was mein Physiklehrer über Mädchen sagte
An der alten Schule hatte ich oft das Gefühl, dass längst feststand, wer als gut galt und wem etwas zugetraut wurde.
Mein Physiklehrer sagte einmal vor der ganzen Klasse:
„Mädchen können kein Physik. Bei mir bekommt kein Mädchen eine bessere Note als 4.“ Mein Physiklehrer in Klasse 10 am Gymnasium
Nur bei „Emma“ – Name geändert – machte er eine Ausnahme, weil ihr Vater beruflich irgendwas mit Mathe gemacht hatte. Dieser Satz ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Er wertete nicht nur uns Mädchen ab, sondern schrieb auch die Fähigkeiten einer Mitschülerin ihrem Elternhaus zu.
Ähnlich war es manchmal bei Schülern, die ältere Geschwister hatten und in der Schule sehr gut waren. Erwartungen beeinflussten, wie Lehrkräfte Schüler sahen. Wer als leistungsstark gilt, bekommt eher noch eine Chance. Wer einmal in einer Schublade steckt, kommt dort nur schwer wieder heraus. Ich steckte in vielen alten und morschen Schubladen fest.
Dieses Zeugnis Mitte der 11. Klasse war das schlechteste meiner gesamten Schulzeit. Es war ein Tiefpunkt, und ich traute mir schulisch kaum noch etwas zu. Gleichzeitig wurde es zum Wendepunkt. Es zeigte mir, dass Noten immer nur einen Ausschnitt abbilden. Sie entstehen in einem bestimmten Moment und unter Bedingungen, die nie vollkommen objektiv sein können.
Was bei mir den Unterschied machte, war das Zusammenspiel aus eigener Anstrengung und Lehrkräften, die mich, anders als mein Physik- oder Geschichtslehrer, nicht auf meine vergangenen Noten reduzierten. Sie haben keinen anderen Menschen aus mir gemacht, aber mir ermöglicht, zu zeigen, was längst in mir steckte.
Was Schule anders machen müsste
Was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe, prägt meine Arbeit bis heute. Ich schaue nicht zuerst auf alte Noten oder darauf, was andere einem Kind bisher zugetraut haben. Ich schaue auf das Kind, das vor mir sitzt, auf seine Stärken und auf das, was es braucht, um wieder an sich zu glauben.
Genau das wünsche ich mir auch vom Schulsystem: weniger Schubladen, weniger vorschnelle Urteile und mehr Raum für Entwicklung. Ich wünsche mir mehr Projekte und Lernformen, in denen Schüler selbst gestalten, ausprobieren, Verantwortung übernehmen und ihre eigenen Stärken entdecken können, statt immer nur zu erfüllen, was von außen vorgegeben wird. Dass die leisen Schüler ebenfalls gesehen werden, mit all dem Potenzial, was in ihnen steckt. Dass wir infrage stellen, was wir wie bewerten. Und dass wir erkennen, dass wir mit unserem Bewertungssystem – woran sich leider in den letzten Jahrzehnten nicht viel geändert hat – großes Potenzial von Schülern oft gar nicht sehen.
Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen, Fehler als Chance sehen und bereit sind, ihr Bild noch einmal zu verändern.
Eine Note ist immer eine Momentaufnahme. Sie zeigt nicht, was noch möglich ist.




