Bewegtes Lernen ist viel mehr als ein bisschen Bewegung zwischendurch. Richtig eingesetzt kann es Kindern helfen, Lerninhalte besser zu verstehen, Blockaden zu lösen und wieder mit mehr Freude ins Lernen zu kommen. Gerade in der Lerntherapie erlebe ich immer wieder, wie wertvoll Bewegung sein kann, besonders dann, wenn Kinder beim Lesen, Schreiben oder Rechnen am Tisch schnell an ihre Grenzen kommen.
Aber wie setzt man bewegtes Lernen sinnvoll um? Wann hilft Bewegung wirklich und wann ist sie vielleicht eher Ablenkung? Darüber habe ich mit Marieke Klein gesprochen. Sie ist Diplom-Bewegungswissenschaftlerin, Lerntherapeutin und Leiterin des Kreisel e.V. In unserem Gespräch zeigt sie, warum bewegtes Lernen weit mehr ist als Sport und wie Bewegung gezielt in der Lerntherapie eingesetzt werden kann.
Bewegtes Lernen ist mehr als Sport- im Gespräch mit Marieke Klein
Marieke Klein leitet den Kreisel e.V. in Hamburg und bildet dort unter anderem Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten aus. Außerdem gibt sie Fortbildungen für Schulen und Bildungsministerien. Als Diplom-Bewegungswissenschaftlerin, systemische Supervisorin und Lerntherapeutin verbindet sie Bewegung und Lernen auf besondere Weise. Genau deshalb war sie für mich die ideale Gesprächspartnerin für die Frage: Wie kann bewegtes Lernen Kindern wirklich helfen?
Denn bewegtes Lernen bedeutet nicht einfach: Kinder sollen sich mehr bewegen. Es geht darum, Bewegung gezielt einzusetzen, damit Lernen leichter, verständlicher und manchmal überhaupt erst wieder möglich wird.
Du kannst unser Gespräch auch als Podcast hören:
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Warum ist bewegtes Lernen wichtig?
Bewegung ist immer gut fürs Lernen. Trotzdem müssen wir in der Lernförderung, in der Lerntherapie genau überlegen, welche gezielte Bewegung zu welchem Zeitpunkt Kinder benötigen. Kinder sind in der Regel andauernd in Bewegung. Es ist sinnvoll, diesen Bewegungsdrang aufzugreifen, anstatt dagegen anzugehen.
Es ist wichtig zu unterscheiden: Bewegung nach dem Gießkannenprinzip oder ganz gezielte Bewegungen – Marieke Klein
Auch das Schreiben lernen besteht aus Bewegung. Buchstaben und Zahlen zu schreiben ist erstmal eine motorische Leistung und wird erst im Sinnzusammenhang eine motorische und kognitive Leistung. Um es zu verdeutlichen: Einen Kringel zu malen ist erstmal Motorik, also Bewegung. Im nächsten Schritt ist es die Aufgabe des Kindes nicht irgendeinen Kringel zu malen, sondern ein O zu schreiben, das ist dann sowohl Kognition als auch Motorik.
Auch beim Lesen spielt die Motorik eine wichtige Rolle. Für den Leseprozess braucht es zum einen die kognitive Leistung – für das Entziffern eines Wortes. Das Lesen kann aber erst im Zusammenspiel mit der Mundmotorik umgesetzt werden. Es ist damit ein andauerndes und ganz enges Zusammenspiel von der Motorik (der Handmotorik beim Schreiben bzw. der Mundmotorik beim Sprechen) mit der Kognition bzw. dem Denken.
In der Schule wird oft daran gearbeitet, die Denk- und Planungsfähigkeit von Kindern zu unterstützen. Häufig wird jedoch vergessen, dass auch die Motorik unterstützt werden muss.
Unser Hirn braucht sehr viel Sauerstoff beim Denken, wenn wir uns ausdauernd bewegen wird mehr Sauerstoff aufgenommen.
Durch Bewegung steht dann mehr Sprit zur Verfügung, der dann „verdacht“ werden kann – Marieke Klein
Mein Tipp aus der Praxis: Der Zahlenstrahl auf dem Schulhof
Eine meiner Lieblingsübungen für bewegtes Lernen ist ein Zahlenstrahl aus Kreide auf dem Schulhof oder draußen vor meiner Lerntherapiepraxis. Ich zeichne ihn gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern und frage bewusst: Wo gehört diese Zahl hin? Welche Zahl liegt genau in der Mitte zwischen 0 und 50? Es kommen noch weitere Fragen, je nach Gruppe oder Lernstand des Schülers.
In der Gruppe passiert dabei oft etwas Wunderbares: Die Kinder helfen sich gegenseitig, diskutieren, korrigieren sich und prüfen gemeinsam, ob die Zahlen an der richtigen Stelle liegen. Alles in Bewegung, alles draußen und trotzdem mitten im Lernen.
Was mich immer wieder fasziniert: Gerade Kinder mit Rechenschwäche, die am Tisch schnell blockieren, lösen sich draußen oft spürbar. Eine Zahl ist dann nicht mehr nur ein abstraktes Zeichen auf dem Papier. Sie bekommt einen Platz im Raum. Der Körper hilft dem Gehirn, Zahlen räumlich zu verankern.
Eine schöne Erweiterung für Gruppen ist diese Variante: Zahlenkärtchen werden nach und nach gezogen und der Schüler überlegt sich, wo seine Zahl auf dem Zahlenstrahl liegen könnte. Danach ist der nächste Schüler dran und zieht eine weitere Zahlenkarte. Wer dran ist, legt seine Karte ab, ohne sie den anderen zu zeigen. Erst am Ende wird aufgedeckt und gemeinsam geprüft: Passt die Reihenfolge?
Für mich zeigt dieses Beispiel sehr schön, was bewegtes Lernen in der Lerntherapie bewirken kann. Kinder erleben Zahlen nicht nur im Kopf, sondern mit dem ganzen Körper.
Wie kann man bewegtes Lernen in Lerntherapie oder Schule integrieren?
Zurück zum Gespräch mit Marieke: Grundsätzlich gibt es keine pauschalen Tipps, wichtig ist es genau hinzuschauen, auch anhand der ggf. vorhandenen Diagnostik, welche gezielte Bewegung welches Kind benötigt. Bewegtes Lernen ist in vielen Bereichen wichtig.
Die Kinder, die z.B. Schwierigkeiten mit den motorischen Anteilen des Schreibens haben, die brauchen ggf. Unterstützung in der Fingerfertigkeit. Vielleicht brauchen Sie aber auch Unterstützung in der Rumpfmuskulatur, um gut und ausdauernd sitzen zu können. Für sie kann es wahnsinnig anstrengend sein, in der Schule mehre Stunden zu sitzen – insbesondere gerade zu sitzen.
Dann gibt es womöglich Kinder, die Schwierigkeiten mit der Mundmotorik haben, die einen schlaffen Tonus haben, und ein bisschen verwaschen sprechen, die brauchen wieder ganz andere Übungen. Es geht dann hier schon in den logopädischen Bereich rein.
Die Kinder, die Schwierigkeiten mit dem räumlichen Vorstellungsvermögen haben, brauchen wieder eine andere Form der Unterstützung und Bewegung. Es hilft ihnen, einen Raum zu erleben, selber herauszufinden, wie groß sie sind, im Verhältnis zu etwas anderem, oder auch herauszufinden, wie viele Fußlängen der Raum lang ist und wie viele Schritte sie für den Schulweg benötigen.
Es gibt ganz interessante Forschungen dazu, dass es Kindern hilft, mit Gesten zu arbeiten, also selber zu gestikulieren. Aber auch Lehrkräfte, die viel gestikulieren, haben eine positive Auswirkung auf das Erinnerungsvermögen der Schüler.
Manchmal braucht man Bewegung als Phasentrenner, man lässt das Kind dreimal um den Tisch hüpfen, das ist dann eher eine allgemeine Bewegung, die nie schadet und allgemein gut ist.
Grundsätzlich gilt es immer zu unterscheiden, integriere ich allgemeine Bewegungen in die Lerntherapie oder sind die Bewegungsangebote spezifisch für die spezielle Herausforderung des Kindes.
Wie kann ich Bewegungsmuffel für Bewegung begeistern?
Wichtig wäre es, einen bewegungsunfreudigen Schüler aus der Komfortzone zu locken. Vielleicht sind Fingerübungen interessant.
Einige Schüler finden das total spannend. Oder man bietet dem Schüler Bewegung in Kombination mit Kraft an, wie Liegestützen oder Klimmzüge. Jonglage wäre auch eine Idee, dann ist das nicht nur Bewegung, sondern auch ein Kunststück, das es zu lernen gilt. Bouldern ist gerade sehr im Trend, hier gibt es kleinere Elemente, die man möglicherweise auch in seine lerntherapeutische Praxis integrieren kann. Ansonsten ist es auch okay, mal eine Weile keine Bewegung zu integrieren.
Ich wünsche mir, dass irgendwann Bewegung im Alltag so selbstverständlich sein wird, wie das Zähneputzen – Marieke Klein
Dann geht es nicht um die Frage, habe ich gerade Lust mich zu bewegen, sondern es wird einfach gemacht.
Mehr Mut für ein bewegtes Lernen im Alltag
Marieke hat noch einen Tipp zum Schluss. Ich wünsche allen Mut zur Bewegung und immer wieder Bewegung gezielt anzubieten – dabei immer sehr freundlich penetrant. Bewegung muss nicht immer mit ganz viel Zappeln zu tun haben, sondern kann auch eine gezielte Muskelanspannung oder -entspannung sein.
Liebe Marieke, ganz lieben Dank für das wunderbare Interview und deinen Einblick. Höre auch gerne in das Podcast-Interview rein oder stöbere durch das Seminarprogramm vom Kreisel e.V.
Ich wünsche allen viel Freude beim Lernen in Bewegung.
Noch mehr Tipps für ein bewegtes Lernen findest du bei Netzwerkmitglied Melanie Neßlböck.
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