Anlässlich des bundesweiten Aktionstages Legasthenie und Dyskalkulie am 30.9., der jährlich stattfindet, stellen die Mitglieder des Lerntherapeuten-Netzwerks ihre besten Tipps zum Thema bewegtes Lernen vor, um Schüler gut durchs Schuljahr zu begleiten. Du findest hier Tipps für mehr Bewegung im Alltag, für mehr Motivation beim Lernen aber auch zur Entspannung.

Egal von welcher Website eines Netzwerkmitgliedes du startest, du wirst immer zu einem weiteren Tipp weitergeleitet. Dabei sind die wichtigsten Informationen auf einem Kärtchen zusammengefasst. Unsere Kärtchen kannst du auch ausdrucken und so entsteht eine ganz wunderbare Sammlung an Übungen, die du sofort im Alltag, daheim oder in der Schule umsetzen kannst.

Ich habe zum Aktionstag Marieke Klein interviewt, die hier ihre besten Tipps für mehr Bewegung vorstellt.

Bewegtes Lernen ist mehr als Sport – im Interview mit Marieke Klein

Marieke Klein leitet zusammen mit Meike Schüler den Kreisel e.V.. Dort bilden sie schwerpunktmäßig Lerntherapeuten aus. Sie geben aber auch für Institutionen, wie für Bildungsministerien und Schulen Seminare und Fortbildungen zu verschiedenen Themen rund ums Lernen und zum Thema Lernschwierigkeiten. Einer der Schwerpunkte von Marieke ist das Lernen in Bewegung.

Marieke Klein, Diplom Bewegungswissenschaftlerin und Leitung des Kreisels e.V.

Marieke ist Diplom-Bewegungswissenschaftlerin, hat eine Ausbildung im Bereich Erlebnispädagogik absolviert, ist systemische Supervisorin und hat außerdem eine lerntherapeutische Weiterbildung gemacht.

Ich habe Marieke rund um das Thema Lernen in Bewegung interviewt (höre auch gerne in das Podcast Interview rein).

Du bekommst hier Tipps, warum es so wichtig ist, Lernen und Bewegung zu verbinden, wie Bewegung in Lerntherapie und Schule umgesetzt werden kann und wie du auch hartnäckige „Bewegungsmuffel“ aus der Komfortzone locken kannst.

Warum ist Lernen in Bewegung überhaupt wichtig?

Bewegung ist immer gut fürs Lernen. Trotzdem müssen wir in der Lernförderung, in der Lerntherapie genau überlegen, welche gezielte Bewegung zu welchem Zeitpunkt Kinder benötigen.
Kinder sind in der Regel andauernd in Bewegung. Es ist sinnvoll, diesen Bewegungsdrang aufzugreifen, anstatt dagegen anzugehen.

„Es ist wichtig zu unterscheiden: Bewegung nach dem Gießkannenprinzip oder ganz gezielte Bewegungen“ Marieke Klein

Auch das Schreiben lernen besteht aus Bewegung. Buchstaben und Zahlen zu schreiben ist erstmal eine motorische Leistung und wird erst im Sinnzusammenhang eine motorische und kognitive Leistung. Um es zu verdeutlichen: Einen Kringel zu malen ist erstmal Motorik, also Bewegung. Im nächsten Schritt ist es die Aufgabe des Kindes nicht irgendeinen Kringel zu malen, sondern ein O zu schreiben, das ist dann sowohl Kognition als auch Motorik.

Auch beim Lesen spielt die Motorik eine wichtige Rolle. Für den Leseprozess braucht es zum einen die kognitive Leistung – für das Entziffern eines Wortes. Das Lesen kann aber erst im Zusammenspiel mit der Mundmotorik umgesetzt werden. Es ist damit ein andauerndes und ganz enges Zusammenspiel von der Motorik (der Handmotorik beim Schreiben bzw. der Mundmotorik beim Sprechen) mit der Kognition bzw. dem Denken.
In der Schule wird oft daran gearbeitet, die Denk- und Planungsfähigkeit von Kindern zu unterstützen. Häufig wird jedoch vergessen, dass auch die Motorik unterstützt werden muss.

Unser Hirn braucht sehr viel Sauerstoff beim Denken, wenn wir uns ausdauernd bewegen wird mehr Sauerstoff aufgenommen.

„Durch Bewegung steht mehr Sprit zur Verfügung, der dann „verdacht“ werden kann.“ Marieke Klein

Wie kann man Bewegung in der Lerntherapie einsetzen?

Grundsätzlich gibt es keine pauschalen Tipps. Wichtig ist es genau hinzuschauen, auch anhand der ggf. vorhandenen Diagnostik, welche gezielte Bewegung welches Kind benötigt. Bewegtes Lernen ist in vielen Bereichen wichtig.

Die Kinder, die z.B. Schwierigkeiten mit den motorischen Anteilen des Schreibens haben, die brauchen ggf. Unterstützung in der Fingerfertigkeit. Vielleicht brauchen Sie aber auch Unterstützung in der Rumpfmuskulatur, um gut und ausdauernd sitzen zu können. Für sie kann es wahnsinnig anstrengend sein, in der Schule mehre Stunden zu sitzen – insbesondere gerade zu sitzen.
Dann gibt es womöglich Kinder, die Schwierigkeiten mit der Mundmotorik haben, die einen schlaffen Tonus haben, und ein bisschen verwaschen sprechen, die brauchen wieder ganz andere Übungen. Es geht dann hier schon in den logopädischen Bereich rein.

Die Kinder, die Schwierigkeiten mit dem räumlichen Vorstellungsvermögen haben, brauchen wieder eine andere Form der Unterstützung und Bewegung. Es hilft ihnen, einen Raum zu erleben, selber herauszufinden, wie groß sie sind, im Verhältnis zu etwas anderem, oder auch herauszufinden, wie viele Fußlängen der Raum lang ist und wie viele Schritte sie für den Schulweg benötigen.

Es gibt ganz interessante Forschungen dazu, dass es Kindern hilft, mit Gesten zu arbeiten, also selber zu gestikulieren.  Aber auch Lehrkräfte, die viel gestikulieren, haben eine positive Auswirkung auf das Erinnerungsvermögen der Schüler.

Manchmal braucht man Bewegung als Phasentrenner, man lässt das Kind dreimal um den Tisch hüpfen, das ist dann eher eine allgemeine Bewegung, die nie schadet und allgemein gut ist.
Grundsätzlich gilt es immer zu unterscheiden, integriere ich allgemeine Bewegungen in die Lerntherapie oder sind die Bewegungsangebote spezifisch für die spezielle Herausforderung des Kindes.

Wie kann ich Bewegungsmuffel für Bewegung begeistern?

Wichtig wäre es, einen bewegungsunfreudigen Schüler aus der Komfortzone zu locken. Vielleicht sind Fingerübungen interessant.

Einige Schüler finden das total spannend. Oder man bietet dem Schüler Bewegung in Kombination mit Kraft an, wie Liegestützen oder Klimmzüge. Jonglage wäre auch eine Idee, dann ist das nicht nur Bewegung, sondern auch ein Kunststück, das es zu lernen gilt.
Bouldern ist gerade sehr im Trend, hier gibt es kleinere Elemente, die man möglicherweise auch in seine lerntherapeutische Praxis integrieren kann.
Ansonsten ist es auch okay, mal eine Weile keine Bewegung zu integrieren.

Ich wünsche mir, dass irgendwann Bewegung im Alltag so selbstverständlich sein wird wie das Zähneputzen.

Dann geht es nicht um die Frage, habe ich gerade Lust mich zu bewegen, sondern es wird einfach gemacht.

Mehr Mut für ein bewegtes Lernen im Alltag

Marike hat noch einen Tipp zum Schluss. Ich wünsche allen Mut zur Bewegung und immer wieder Bewegung gezielt anzubieten – dabei immer sehr freundlich penetrant.
Bewegung muss nicht immer mit ganz viel Zappeln zu tun haben, sondern kann auch eine gezielte Muskelanspannung oder -entspannung sein.

Liebe Marieke, ganz lieben Dank für das wunderbare Interview und deinen Einblick. Höre auch gerne in das Podcast-Interview rein oder stöbere durch das Seminarprogramm vom Kreisel e.V.

Ich wünsche allen viel Freude beim Lernen in Bewegung.

Noch mehr Tipps für ein bewegtes Lernen findest du bei Netzwerkmitglied Melanie Neßlböck. 

Hier geht’s zu Melanies Tipps

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