Wenn ein Kind mit LRS oder Rechenschwäche Unterstützung braucht, sind viele beteiligt, die Lehrkraft im Unterricht, die Lerntherapeutin in der Förderung und die Eltern zu Hause. Wirklich weiter kommt das Kind aber erst, wenn alle miteinander reden und Hand in Hand arbeiten. Wie sich das anfühlt, beschreibt Sandra. Bei ihrem Sohn waren Lerntherapeutin und Deutschlehrerin von Anfang an im Austausch.

„Mein Sohn […] merkt das gute Zusammenspiel und ist dadurch ‚aufgeräumter‘.“
(Sandra, Mutter)

Genau das wünsche ich jedem Kind. Die Zusammenarbeit von Schule und Lerntherapie entscheidet oft darüber, ob ein Kind mit LRS oder Rechenschwäche im Unterricht die Unterstützung bekommt, die es braucht, oder ob die Eltern alles allein zwischen beiden Seiten hin und her tragen.

Der Austausch zwischen Schule und Lerntherapie beschäftigt viele Eltern, Lehrkräfte und auch Lerntherapeuten, die mich immer wieder darauf ansprechen. Deshalb habe ich im September 2026 nachgefragt, und 40 Lerntherapeuten, 38 Eltern und 16 Lehrkräfte haben mir erzählt, wie dieser Austausch in ihrem Alltag wirklich aussieht, also so, wie er ist, und nicht so, wie er sein sollte.

Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit von Schule und Lerntherapie?

Die Zusammenarbeit von Schule und Lerntherapie wollen alle, aber sie findet viel zu selten statt. Die folgenden Punkte zeigen, wie wichtig allen der Austausch ist und wo die Hürden liegen

  • Alle 16 Lehrkräfte aus der Umfrage halten den Austausch mit der Lerntherapie für wichtig, aber 12 von ihnen hatten im Schuljahr 2025/26 keinen einzigen Kontakt.
  • Bei 17 von 32 Familien, deren Kind in Lerntherapie ist oder war, haben Lerntherapie und Schule nie miteinander gesprochen.
  • Den ersten Schritt macht fast nie die Schule, nur 1 von 40 Lerntherapeuten sagt, dass meistens die Lehrkraft auf sie zukommt
  • Lerntherapie direkt an der Schule gehört in allen drei Gruppen zu den häufigsten Wünschen.

Die Zahlen stammen aus meinen zwei Umfragen mit zusammen 94 Antworten (September und Oktober 2026, nicht repräsentativ).

Mein Fazit aus der Umfrage ist, dass der Wille auf allen Seiten da ist, aber der erste Schritt fehlt. Oft wird erst gesprochen, wenn es brennt, dabei würde es Kindern so viel ersparen, wenn wir früher gemeinsam überlegen, was der Schüler, die Lehrkraft und die Lerntherapie brauchen. Den ersten Schritt sollten wir Lerntherapeuten machen, denn wir tragen die fachliche Verantwortung für die Zusammenarbeit, und Lehrkräfte wissen oft gar nicht, was ein Lerntherapeut eigentlich macht.

Was ein Gespräch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut bewirken kann

Auf meine Frage nach einem Gespräch mit einer Lehrkraft, das richtig gut gelaufen ist, haben mir viele Lerntherapeuten ganz konkrete Beispiele geschickt. Eine Lerntherapeutin beschreibt, wie das im Alltag aussehen kann. Über ein Verbindungsheft wusste die Lehrerin immer, woran gerade in der Lerntherapie gearbeitet wird, und konnte ihr darüber auch dringende Fragen schreiben.

„Die Lehrkraft berücksichtigt die Themen in der Lerntherapie im Unterricht. Sie hat mich zu bestimmten Themen gefragt, ob ich denke, dass sie für das Kind machbar sind bzw. in welchem Umfang. Wir haben uns über Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs ausgetauscht, und sie hat diese ausprobiert.“

Eine andere Lerntherapeutin hat der Lehrkraft vorgeschlagen die Klassenarbeiten anders zu gestalten, mit größerer Schrift, Farben und mehr Platz zum Schreiben. „Die Vorschläge wurden von der Lehrkraft dankend aufgenommen und direkt umgesetzt. Es hat eine deutliche Erleichterung für das Kind gebracht.“

Der Austausch hilft also beiden Seiten. Bei Heike Schwab wechselte ein Schüler aufs Gymnasium, und seine neue Deutschlehrkraft sah in der Rechtschreibung Förderbedarf. Nach einem kurzen Anschreiben und einem gemeinsamen Gespräch schreibt er jetzt nur noch halbe Diktate und nutzt die restliche Zeit für die Korrektur, mit einem Korrekturfahrplan, den sie in der Lerntherapie entwickelt haben.

Jutta erzählt von einer Schülerin mit Legasthenie, die in der Schule total unterschätzt wurde. „Durch die Zusammenarbeit mit der Klassenlehrerin wurde das Mädchen wahrgenommen und konnte zeigen, was sie wirklich braucht“, schreibt sie.

Auch Eltern merken den Unterschied

„Erst als Gespräche zwischen Lerntherapeut und Lehrkraft stattgefunden haben, hat unser Kind einen zielführenden Nachteilsausgleich bekommen. Vorher wurden wir von Seiten der Schule eher belächelt.“
(Mutter)

In keinem dieser Beispiele geht es um Schulstoff. Es geht darum, dass die Lehrkraft versteht, was hinter den Fehlern steckt, und dass der Lerntherapeut erfährt, wie der Schüler sich im Unterricht zeigt. Ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis findest du in meinem Artikel Warum Lerntherapie nur in Zusammenarbeit gelingt.

Wenn Schule und Lerntherapie nicht miteinander sprechen

Genauso deutlich sind die Antworten, wenn der Austausch fehlt. Julia beschreibt, wie es ist, wenn ihr Kind von zwei Seiten ganz unterschiedlich gesehen wird.

„Aus der Schule höre ich nur Negatives, kein positives Wort. Von der Therapeutin höre ich nur Positives, und sie erzählt mir von Fortschritten.“
(Julia, Mutter)

Am Versuch hat es dabei oft nicht gefehlt. Bei Tina hat die Lerntherapeutin es mehrmals probiert und nie eine Rückmeldung von der Lehrkraft bekommen. Annika hätte sich den Austausch für den Englischunterricht gewünscht, denn dort bekommt ihr Kind keinen Nachteilsausgleich, weil LRS in der Fremdsprache angeblich „nicht gilt“. Die Klassenarbeiten fallen dadurch zwei Noten schlechter aus und ihr Kind ist stark demotiviert.

Wie es auf der anderen Seite aussehen kann, erzählt eine Lehrkraft aus einer Klassenkonferenz. Es ging darum, ob bei einem Schüler der 7. Klasse mit LRS die Rechtschreibung nicht bewertet wird.

„Hat der immer noch Probleme mit der Rechtschreibung? Wieso soll die Schule hier die Rechtschreibung aussetzen? Die Eltern sollen erst mal nachweisen, dass sie zu Hause und/oder mit Lerntherapie ausreichend üben.“ (Lehrkräfte in der Klassenkonferenz)

Hier hätte ein kurzes Gespräch mit dem Lerntherapeuten möglicherweise viel erklären können, bevor in der Konferenz über den Schüler entschieden wird.

Warum findet der Austausch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut so selten statt?

Meistens nicht aus Unwillen, sondern weil bei den Lehrkräften gar nicht ankommt, dass es etwas zu besprechen gäbe, und weil im Alltag bei niemandem Zeit dafür vorgesehen ist. Ich hatte vor der Umfrage vor allem fehlende Zeit, unklare Bezahlung und Unsicherheit im Gespräch vermutet, und das stimmt auch alles ein Stück weit. Womit ich nicht gerechnet hatte, ist, wie oft die Information schon auf dem Weg zur Lehrkraft verloren geht.

Lehrkräfte erfahren oft nichts von der Lerntherapie

12 der 16 Lehrkräfte hatten im ganzen Schuljahr keinen Kontakt zu einem Lerntherapeuten. 6 von ihnen wussten von mindestens einer Lerntherapie, die anderen 6 haben von keiner erfahren, und es kann gut sein, dass manche ihrer Schüler gar keine bekommen.

Wenn Lehrkräfte davon wissen, dann meistens von den Eltern, und das finde ich gut und richtig. Schwierig wird es, wenn es bei dieser einen Information bleibt, denn von den 6 Lehrkräften, die es von den Eltern erfahren haben, hatten 5 danach trotzdem keinen Kontakt zur Lerntherapie. Eine Fachlehrkraft schreibt:

„Oft erfährt man als Fachlehrkraft sehr spät, dass eine Lernbeeinträchtigung vorliegt. Meistens sogar erst vor oder nach Prüfungen und Tests. Es wäre sehr hilfreich, wenn frühzeitig Informationen fließen würden.“
(Fachlehrkraft)

Dabei wissen die Schulen meistens Bescheid. Bei 30 von 32 Familien, deren Kind in Lerntherapie ist oder war, weiß die Schule davon, bei 16 allerdings nur einige Lehrkräfte. 29 Eltern haben es selbst der Klassenleitung erzählt. Gesprochen haben Schule und Lerntherapie trotzdem nur bei 14 dieser Familien. Die Information kommt also an, aber danach passiert oft nichts.

Lerntherapie wird immer noch für Nachhilfe gehalten

Wer nicht weiß, was ein Lerntherapeut macht, sieht auch keinen Grund, in den Austausch zu gehen. Heike Schwab bringt es auf den Punkt.

„Lehrkräfte wissen schlicht nicht, dass es uns gibt oder was wir (anders) machen. Eine Lehrkraft war ganz erstaunt: „Das machen Sie alles?!“ Ich bin keine Nachhilfelehrerin und ich bearbeite hier keine schulischen Zusatzaufgaben“.
(Heike Schwab, Lerntherapeutin)

„Lerntherapie ist keine Nachhilfe, doch wird fast überall so verstanden“, schreibt auch Daniela. Und Heike Schwab beobachtet noch etwas, das ich aus meiner Praxis gut kenne: Eltern werden oft auf Ergotherapie und Logopädie verwiesen, „obwohl eine Lerntherapie zielführender wäre oder begleitend dringend angezeigt“. Wenn Lehrkräfte Lerntherapie nicht kennen, können sie Eltern auch nicht dorthin schicken, und wertvolle Zeit für das Kind geht verloren.

Zeit und Bezahlung fehlen auf beiden Seiten

20 von 40 Lerntherapeuten investieren 1 bis 3 Stunden pro Kind und Schuljahr in den Austausch mit der Schule. Bezahlt wird diese Zeit nur bei 13 von 40 Lerntherapeuten, bei 11 teilweise und bei 16 gar nicht. Als größte Hürden nennen je 12, dass ihre Zeit nicht bezahlt wird und dass Lehrkräfte auf Anfragen nicht reagieren. 13 sagen dagegen, dass der Austausch bei ihnen gut klappt und sie keine Hürden sehen. Eine Lerntherapeutin schreibt dazu etwas, das ich sehr mutig finde.

„Der Austausch ist leider immer noch zu gering, und es liegt auch nicht nur an der Schule, sondern auch an mir, weil es auch für mich einen hohen zeitlichen Aufwand darstellt.“

„Das hatte ich bisher leider noch nicht, ich bleibe aber zuversichtlich“, antwortet eine andere Lerntherapeutin auf meine Frage nach einem richtig gut gelaufenen Gespräch.

Wer sollte den ersten Schritt machen, Schule oder Lerntherapie?

Für mich ist klar, dass wir Lerntherapeuten den ersten Schritt machen sollten. Wenn nicht wir den Anfang machen, wer dann? Lehrkräfte wissen oft gar nicht, dass es uns gibt oder was wir machen, und Eltern haben oft schon so viel gekämpft, dass ihnen die Kraft fehlt.

In der Umfrage sagen 15 von 40 Lerntherapeuten, dass sie selbst auf die Schule zugehen. Bei 10 stellen die Eltern den Kontakt her, bei 14 ist es unterschiedlich, und nur eine Person sagt, dass meistens die Lehrkraft den ersten Schritt macht. Mit den Lehrkräften sprechen 19 von 40 nur bei einzelnen Kindern, 13 bei den meisten, 6 regelmäßig bei allen und 2 sehr selten.

Auch der Fachverband für integrative Lerntherapie (FiL) zählt die Zusammenarbeit mit Eltern und Lehrkräften zur Lerntherapie dazu, nennt sie „Umfeldarbeit“ und sieht die fachliche Verantwortung dafür bei den Lerntherapeuten (FiL, Was ist Integrative Lerntherapie?).

Ohne Schweigepflichtsentbindung kein Austausch

Ein Lerntherapeut darf nur mit der Schule über ein Kind sprechen, wenn die Eltern einverstanden sind, in der Regel mit einer schriftlichen Schweigepflichtentbindung. Umgekehrt braucht auch die Lehrkraft dieses Einverständnis, bevor sie einem Lerntherapeuten etwas über den Schüler erzählt.

Genau hier scheitert der Austausch erstaunlich oft. 8 Eltern sagen, dass sie nie gefragt wurden, ob ein Lerntherapeut mit der Schule sprechen darf, und bei 7 dieser 8 Familien gab es dann auch keinen Kontakt. Die Erlaubnis allein reicht aber nicht aus. 24 Eltern haben zugestimmt, und bei 10 von ihnen kam trotzdem nie ein Gespräch zustande. Die Schweigepflichtsentbindung öffnet die Tür, hindurchgehen muss danach trotzdem jemand.

Wie spreche ich als Lerntherapeut eine Lehrkraft an?

Eigentlich ist es gar nicht so schwer. Aus meiner Erfahrung ist es am einfachsten, wenn du der Lehrkraft eine kurze Mail schreibst und sie um ein bis zwei Terminvorschläge für ein Telefonat bittest. Viele Lerntherapeuten fragen mich, ob die Lehrkräfte überhaupt mit ihnen reden wollen. Darauf gibt meine Umfrage eine klare Antwort, denn alle 16 Lehrkräfte halten den Austausch für wichtig.

Die Lehrkräfte in der Umfrage wünschen sich für den ersten Kontakt meist ein kurzes Gespräch oder ein Telefonat, danach reichen ihnen kurze Mails. „Gespräch wäre ideal, Mail ist realitätsnah“, bringt es eine von ihnen auf den Punkt.

Aber wie läuft der Austausch jetzt genau ab? 33 von 40 Lerntherapeuten telefonieren mit den Lehrkräften, 31 schreiben Mails, 21 gehen auch persönlich in die Schule, und 13 führen gemeinsame Gespräche mit Eltern und Schule. Bei 12 läuft ein Teil über die Eltern.

Worüber sprechen Lerntherapeut und Lehrkraft?

Nicht über Schulstoff, sondern über das Kind. Das zeigen die Antworten auf meine Frage nach einem richtig gut gelaufenen Gespräch ganz deutlich. Immer wieder geht es um dieselben Themen:

  • wie sich das Kind im Unterricht zeigt und wo es noch Schwierigkeiten hat
  • woran gerade in der Lerntherapie gearbeitet wird und welches Ziel sie hat
  • welcher Nachteilsausgleich passt und wie er im Unterricht umgesetzt wird
  • wer was übernimmt, damit sich Schule und Lerntherapie gut ergänzen

Wie das im Alltag aussieht, beschreibt Belinda.

„Sie sind interessiert, was ich als Lerntherapeutin mit dem Kind trainiere. Die Lehrer kennen das Kind meist besser als ich, das würdige ich. […] Die Lehrer kennen das kurzfristige und mittelfristige Ziel der Therapie und möchten unterstützen.“
(Belinda Meyer, Lerntherapeutin)

Für Nicole Zwiener, die Schule und Praxis aus eigener Erfahrung kennt, ist das ein Austausch auf Augenhöhe. „Gemeinsam konnten wir das Kind besser verstehen und konkrete nächste Schritte für die Förderung entwickeln“, schreibt sie. Eine andere Lerntherapeutin wünscht sich Gespräche „mit Wertschätzung auf beiden Seiten und echtem Zuhören“. Und eine dritte erfährt im Austausch, „wie sich das Verhalten und die Leistungen des Kindes im Unterricht verändern und wo es noch Schwierigkeiten gibt“.

Wie ich selbst solche Gespräche führe, habe ich in meinem Artikel Austausch zwischen Lehrkraft und Lerntherapeut beschrieben.

Was erleben Eltern zwischen Schule und Lerntherapie?

Einige Eltern tragen heute alle Informationen allein zwischen Schule und Lerntherapie hin und her. Auf die Frage, was ihnen helfen würde, nennen 18 Eltern ein gemeinsames Gespräch mit Schule, Lerntherapeut und ihnen selbst, 14 wünschen sich Lerntherapie direkt an der Schule, und 10 möchten nicht mehr alles allein weitergeben. Eine Mutter fasst das in einem Satz zusammen: „Letztendlich läuft immer noch alles über mich.“

„Ich, als ungeschulte Person, muss permanent alles neu erklären. Ich bin die Mutter, der das Gefühl vermittelt wird, ich verlange zu viel, wenn ich einen Nachteilsausgleich fordere.“
(Charlotte, Mutter)

Dazu kommt, dass viele Familien schon einen langen Weg hinter sich haben, bevor die Lerntherapie überhaupt beginnt. Bei 14 von 32 Kindern gab es vorher keinerlei Unterstützung, weder Förderunterricht noch Nachhilfe noch eine andere Therapie. Britta schreibt: „Bei uns hatte niemand eine Ahnung, und dadurch hat alles so lange gedauert, weil ich von A nach B lief.“

Und auch danach bleibt vieles an den Eltern hängen. Eine Mutter schreibt: „Wenn wir nicht aktiv auf die Schule zugehen, finden nur die Pflichtgespräche statt.“ Eine andere erlebt den Nachteilsausgleich so: „Nachteilsausgleich ist ein Kampf. Es vergehen Wochen um Wochen.“

Selbst wenn alle schon an einem Tisch gesessen haben, kommt das Besprochene nicht immer im Unterricht an. Bei Stefanie hatte es ein gemeinsames Gespräch gegeben, und trotzdem hat sich folgendes ergeben:

„Als die Klassenlehrerin mich ‚gefragt‘ hat, ob ich damit einverstanden bin, dass mein Sohn in der Leseverständnis-Klassenarbeit nicht mitmacht und direkt eine 6 bekommt, da er es eh nicht kann. Davor hatten wir ein Gespräch mit den Lehrer*innen und der Therapeutin, wie der Nachteilsausgleich anzuwenden ist.“ (Stefanie, Mutter)

Wenn der Austausch gelingt, erleben Eltern aber auch, wie viel er verändert. Eine Mutter schreibt: „Erst durch die Lerntherapie haben die Lehrer verstanden, worum es geht und wie sie unterstützen können.“ Eine andere bringt es auf einen Satz: „Mein Kind wurde besser verstanden.“ Und Stefanie sagt: „Auch ich als Mama habe so viel von unserer Lerntherapeutin gelernt.“

Ich weiß auch, warum manche Eltern den Austausch lieber nicht möchten, und 7 von 40 Lerntherapeuten nennen genau das als Hürde. Eine Lerntherapeutin beschreibt es so:

„Eltern haben oft keine Kraft mehr, sie mussten so viel durchkämpfen, bis ihr Kind wirklich an die richtige Stelle gekommen ist. Sie haben Angst vor Stigma, davor, dass, wenn sie sich noch mehr einsetzen, ihr Kind in der Schule darunter leiden muss.“

Diese Angst nehme ich ernst. Meine Erfahrung ist aber, dass ein gutes Gespräch Kinder schützt und nicht bloßstellt, weil die Lehrkraft danach versteht, was hinter den Fehlern steckt.

Was brauchen Lehrkräfte für den Austausch?

Die Lehrkräfte in der Umfrage wollen den Austausch, wissen aber oft nicht, an wen sie sich wenden können. Eine Lehrkraft am Gymnasium schreibt:

„Als Lehrkraft würde ich sehr gerne kommunizieren mit einem Ansprechpartner, aber der ist nicht vorhanden in den meisten Fällen.“
(Lehrkraft am Gymnasium)

Gefragt, was sie für einen guten Austausch bräuchten, wünschen sich 9 von 16 Lehrkräften konkrete Tipps für den Unterricht und genauso viele Lerntherapie direkt an der Schule. 4 hätten lieber kurze schriftliche Infos statt Termine, 3 eine feste Zeit dafür im Stundenplan.

Was sie konkret wissen möchten, beschreibt die Lehrkraft Helena: „Kinder mit LRS machen sehr unspezifische Fehler: Wo kann ich da ansetzen, damit ein Lernerfolg gelingen und dauerhaft bestehen kann?“ Eine andere Lehrkraft erhofft sich vom Austausch, einen passgenaueren Nachteilsausgleich festzulegen, „um das Kind zu fördern und nicht zu überfordern“. Und eine LRS-Fachberaterin aus Baden-Württemberg, die Eltern und Lehrkräfte berät, fasst zusammen: „Hier ist ein großer Aufklärungsbedarf.“

Wie viel der Austausch auch Lehrkräften bringt, erzählt eine Lehrkraft, an deren Schule eine Lerntherapeutin arbeitet. In einem Elterngespräch hielten die Eltern weitere Förderung für unnötig, und die Lerntherapeutin unterstützte sie mit weiteren Argumenten: „Das überzeugte die Eltern noch mehr.“ Für den ersten Kontakt mit einer Lerntherapeutin aus einer Praxis wünscht sie sich genau das, was ich auch mache: „Per E-Mail macht eine Kurzinfo über die Lerntherapie eines Kindes in einer Praxis für mich sehr viel Sinn.“

Caro, ebenfalls Lehrkraft, zeigt, dass auch Lehrkräfte manchmal allein dastehen: „Wie kann man Schüler fördern, wenn die Eltern nicht dahinter stehen?“

Wirkt sich der Austausch auf den Erfolg der Lerntherapie aus?

Beweisen kann meine Umfrage das nicht, aber die Hinweise sind deutlich. 29 von 40 Lerntherapeuten sagen, ein guter Austausch mit der Schule wirke sich eher stark oder sehr stark auf den Erfolg aus, 4 sagen eher wenig, 7 können es nicht einschätzen, und niemand hat „gar nicht“ angekreuzt.

Auch bei den Eltern zeigt sich ein ähnliches Ergebnis. Alle 5, die von großen Fortschritten ihres Kindes berichten, berichten auch von Kontakt zwischen Lerntherapie und Schule, und ohne Kontakt sagen 7 von 17 „kaum Fortschritte“, mit Kontakt nur 2 von 14. Die Zahlen sind klein und beweisen nichts. Es kann auch sein, dass Lerntherapeuten, die sich bei der Schule melden, auch sonst besonders engagiert arbeiten, und die Fortschritte daher kommen.

Wie sich das im Alltag anfühlt, beschreibt eine Grundschullehrkraft, die im Schuljahr sieben Mal oder öfter Kontakt zur Lerntherapeutin hatte:

„Der regelmäßige Austausch mit der Lerntherapeutin hat mir sehr geholfen, vor allem in Bezug auf die Kommunikation mit den Eltern.“

Woran der Austausch mit Lehrkräften wirklich scheitert

Hinter einer abweisenden Reaktion steckt in meiner Erfahrung fast immer fehlendes Wissen und nur ganz selten fehlender Wille. In den Antworten der Eltern stehen harte Sätze. „Sie haben keine Ahnung und auch kein Interesse, sich da weiterzubilden“, schreibt eine Mutter über die Schule. Ich verstehe diese Wut sehr gut. Trotzdem erlebe ich nur ganz wenige Lehrkräfte als abweisend. Die meisten sind offen und dankbar, weil sie viele Dinge nicht allein lösen müssen.

Ein Lerntherapeut erlebt das anders und schreibt, die meisten Lehrer schienen sich in ihrer Arbeit kontrolliert zu fühlen und reagierten „mitunter aggressiv“ auf den Versuch, Kontakt aufzunehmen. „Treten Schwierigkeiten auf, erlebe ich meist, dass diese auf Unsicherheiten zurückzuführen sind. Ganz selten fehlt die grundsätzliche Bereitschaft zur Zusammenarbeit“, schreibt Sabine Landua die es ähnlich erlebt wie ich.

Die Umfrage bestätigt diesen Eindruck. 22 von 40 Lerntherapeuten wünschen sich mehr Wissen über LRS und Rechenschwäche bei Lehrkräften, das ist mit Abstand der häufigste Wunsch. Und eine Lehrkraft am Gymnasium schreibt selbst:

„Mir fehlt vor allem am Gymnasium die generelle Aufklärung der Lehrer. Hier wird von zu vielen felsenfest geglaubt, wer ausreichend üben würde, könnte das LRS komplett ‚weg‘ bekommen.“
(Lehrkraft am Gymnasium)

Was müsste sich ändern, damit der Austausch selbstverständlich wird?

Diese Frage habe ich den Lerntherapeuten direkt gestellt, und die Antworten gehen in eine klare Richtung: feste Strukturen statt Zufall. Jutta wünscht sich „eine Selbstverständlichkeit, dass alle an einem Strang ziehen, die mit den Kindern arbeiten, und sich mindestens zu den Zeugnissen, also zweimal im Jahr, austauschen“. Daniela geht noch weiter und wünscht sich, „dass bei jedem Lerntherapiekind ein Schulgespräch dazugehören würde“.

„Der Austausch zwischen Lerntherapie und Schule müsste zu einer verlässlich geregelten und gleichberechtigten Kooperation mit klaren Zuständigkeiten und festen Austauschstrukturen werden.“
Lerntherapeutin

Damit das klappt, brauchen auch die Lehrkräfte Zeit. „Die Lehrkräfte müssten Zeit bekommen für die Gespräche mit Lerntherapeutinnen und auch für die Umsetzung eines Nachteilsausgleichs“, schreibt eine Lerntherapeutin. Eine Lehrkraft sieht in Beratungslehrkräften und Schulsozialarbeit eine Brücke, die es an vielen Schulen schon gibt, denn „diese sind etablierte Vermittler“.

Fazit: Es braucht Mut zur Kommunikation

Die Zusammenarbeit von Schule und Lerntherapie scheitert nicht am Willen, niemand in dieser Umfrage lehnt den Austausch ab. Was fehlt, ist der Mut (und auch die Zeit) zum ersten Schritt, und ich finde, diesen Schritt sollten wir Lerntherapeuten machen. Austausch heißt für mich zu erkennen, dass ich allein nicht weiterkomme und dass es nur gemeinsam gelingt, am besten, bevor es brennt.

Wenn du Lerntherapeut bist

  • Mach den ersten Schritt mit einer kurzen Mail an die Lehrkraft und bitte um ein bis zwei Terminvorschläge
  • Sprich die Schweigepflichtentbindung früh an, nicht erst, wenn es brennt

Wenn du Mutter oder Vater bist

  • Unterschreib die Schweigepflichtentbindung, das bringt das Gespräch ins Rollen
  • Frag nach, ob das Gespräch stattgefunden hat und melde dich, wenn etwas unklar ist

Wenn du Lehrkraft bist

  • Frag die Eltern nach der Lerntherapie und schreib dem Lerntherapeuten eine kurze Nachricht
  • Trau dich zu sagen, wenn dir Wissen fehlt. Rat bekommst du auch auf unserer Seite für Lehrkräfte im Lerntherapeuten-Netzwerk (neben innerschulischen Anlaufstellen)

Wie es aussieht, wenn Lerntherapie in der Schule ankommt, beschreibt Jennifer: „Seit dem neuen Schuljahr […] findet das Fördern im Bereich Dyskalkulie in der Schule direkt statt […], das entspannt ungemein.“ Genau das ist mein Ziel, dass 2043 an jeder Schule ein Lerntherapeut arbeitet. Dann braucht der erste Schritt keinen Mut mehr, weil wir längst im selben Haus sind.

Und immer wieder taucht derselbe Wunsch auf: „Lerntherapeuten an die Schulen!“

Bleib mit mir im Austausch

Ein herzliches Dankeschön an alle, die sich die Zeit genommen und mir so offen geantwortet haben.

  • Du bist Mutter oder Vater? In meinem Newsletter teile ich regelmäßig Tipps für zu Hause und für die Zusammenarbeit mit der Schule.
  • Du bist Lerntherapeutin oder Lerntherapeut? Dann lerne das Lerntherapeuten-Netzwerk kennen, in dem wir uns genau über solche Fragen austauschen.
  • Du bist Lehrkraft? Dann erzähl mir in den Kommentaren, was dir den Austausch mit der Lerntherapie leichter machen würde.

Und jetzt interessiert mich natürlich, wie bei dir der Austausch läuft. Schreib es mir gern in die Kommentare.

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Alles rund um das Lernen mit LRS und Rechenschwäche, Nachteilsausgleich und Lerntherapie in Schule

Quellen

  • Seyfried, Susanne (2026): Umfrage „LRS & Rechenschwäche: Wie gelingt der Austausch von Schule und Lerntherapie?“ für Eltern und Lehrkräfte (54 Antworten) und Umfrage „Wie läuft der Austausch mit der Schule bei dir?“ für Lerntherapeuten (40 Antworten), durchgeführt vom 17. September bis 7. Oktober 2026 mit Tally, nicht repräsentativ.
  • Fachverband für integrative Lerntherapie e. V. (FiL): Was ist Integrative Lerntherapie?, Abschnitt „Umfeldarbeit“, abgerufen am 25. Oktober 2026.
  • Seyfried, Susanne & Landua, Sabine (2025): Mit Kindern über Lernstörungen sprechen, Gastbeitrag im Betzold Blog, veröffentlicht am 25. September 2025.

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