Viele Eltern googeln irgendwann nach dem Begriff „LRS Test“ und landen in einem Dschungel aus Angeboten, Abkürzungen und Unsicherheiten.

Wer testet eigentlich eine LRS? Reicht ein schulischer Beobachtungsbogen oder braucht es ein offizielles Gutachten? Und was ist mit einem kostenlosen Online-Test oder einem LRS Test am Computer?

Diese und ähnliche Fragen höre ich als Lerntherapeutin in Baden-Württemberg fast täglich, von Eltern genauso wie von Lehrkräften. Die Unsicherheit ist groß, denn: Nicht jeder LRS-Test ist gleich aufgebaut und nicht jeder bringt Klarheit.

In diesem Artikel erfährst du:

  • Wer was testet: Schule, Psychologen, Kinder- und Jugendpsychiater, Lerntherapeuten, Institute
  • Welche Form der Diagnostik für welches Ziel sinnvoll ist
  • Welche schulischen Anlaufstellen es in Baden-Württemberg gibt und was sie leisten können

Mein Ziel ist es, dir einen verständlichen Überblick zu geben, damit du für dein Kind die passende Anlaufstelle findest, ohne Umwege und unnötige Doppeltestungen.

LRS Test ist nicht gleich LRS Test – welche Diagnostik passt zu welchem Ziel?

Dabei spielen drei Fragen eine zentrale Rolle, die oft nicht gestellt werden:

Was wurde überhaupt getestet?

LRS kann bedeuten, dass ein Kind Schwierigkeiten beim Lesen, beim Rechtschreiben oder in beiden Bereichen hat. Deshalb ist Folgendes wichtig zu wissen: Wurde das Lesen, die Rechtschreibung oder beides überprüft?

Manche Tests prüfen nur die Rechtschreibung. Dann bleibt offen, ob ein Kind auch beim Lesen Unterstützung braucht, zum Beispiel bei der Lesegenauigkeit, der Lesegeschwindigkeit oder dem Leseverständnis. Wer das nicht weiß, zieht aus dem Ergebnis möglicherweise die falschen Schlüsse.

Ab welchem Wert gilt es als LRS?

Nicht alle Teststellen arbeiten mit denselben Grenzwerten. Das klingt erst einmal technisch, ist für Eltern aber sehr wichtig.

Ein Prozentrang zeigt, wie ein Kind im Vergleich zu anderen Kindern derselben Altersgruppe oder Klassenstufe abgeschnitten hat. Ein Prozentrang von 16 bedeutet vereinfacht: Das Kind gehört im getesteten Bereich zu den schwächsten 16 Prozent der Vergleichsgruppe. Ein Prozentrang von 30 bedeutet: Das Kind gehört zu den schwächsten 30 Prozent.

Das ist ein deutlicher Unterschied. Wird eine LRS bereits bei den schwächsten 30 Prozent angenommen, betrifft das viel mehr Kinder als bei einem engeren Grenzwert von 16 Prozent. Das kann für eine pädagogische Förderung sinnvoll sein, ist aber nicht automatisch dasselbe wie eine medizinische Diagnose.

Welche Förderung lässt sich daraus ableiten?

Ein Testergebnis ist nur dann wirklich hilfreich, wenn daraus konkrete nächste Schritte entstehen. Es sollte nicht nur zeigen, dass ein Kind Schwierigkeiten hat, sondern auch, wobei genau es Unterstützung braucht. Geht es vor allem um genaues Lesen, flüssiges Lesen oder Leseverständnis? Geht es um lautgetreues Schreiben, Rechtschreibstrategien, Grammatik, Groß- und Kleinschreibung oder das sichere Abspeichern von Wortbildern?

Für mich gehört deshalb zu einer sinnvollen LRS-Einschätzung immer der Blick auf Lesen und Schreiben. Nur so lässt sich Förderung passend planen.

Je nachdem, was das Ziel des LRS Tests ist, unterscheiden sich die diagnostischen Wege ganz erheblich. Manchmal geht es darum, den Förderbedarf eines Kindes einzuschätzen, manchmal braucht es eine offizielle Diagnose für das Jugendamt, und in anderen Fällen ist eine lerntherapeutische Einschätzung gefragt. In diesem Abschnitt zeige ich dir, welche Form der Diagnostik zu welchem Ziel passt und welche Anlaufstellen es dafür gibt.

1. Pädagogisch orientierte Diagnostik: Wo steht der Schüler und wo muss eine Förderung ansetzen

Diese Form der Testung erfolgt meist über die Schule oder schulische Anlaufstellen, aber auch viele Lerntherapeuten führen eine pädagogische Testung durch. Sie ist praxisnah, und hilft vor allem, die nächsten konkreten Schritte zu planen.

In Baden-Württemberg gibt es einige schulische Anlaufstellen. In meinen Beratungen erlebe ich allerdings immer wieder, dass diese weder Lehrkräften noch Eltern bekannt sind. Dabei entstehen bei diesen Anlaufstellen Eltern keine Kosten. Diese Anlaufstellen können weiterhelfen:

  • Beratungslehrer (für jede Schule in BW gibt es in der Regel einen Beratungslehrer), in Zeiten von Personalmangel ist das leider nicht überall der Fall, dann kann man sich hierhin wenden:
  • Schulpsychologische Beratungsstelle: hier wird, wenn gewünscht, eine umfassende Testung und auch Intelligenzdiagnostik durchgeführt
  • Außerdem gibt es LRS-Beauftragte, diese sind hier bei uns in der Region Ansprechpartner im Auftrag des Staatlichen Schulamts und können beraten oder auch testen

Ziel:

  • Förderbedarf einschätzen
  • Standortbestimmung („Wo steht das Kind aktuell?“) und darauf aufbauend eine
  • Ableitung konkreter Förderziele

2. Fachärztliche Diagnostik: Für eine offizielle Anerkennung (z. B. Kostenübernahme Jugendamt)

Wenn ein LRS-Test offiziell anerkannt werden soll, zum Beispiel für einen Antrag auf Eingliederungshilfe (§35a SGB VIII) beim Jugendamt reicht eine pädagogische Einschätzung oft nicht aus. In diesem Fall braucht es eine fachärztliche Diagnostik, die nach festen medizinischen Kriterien erfolgt.

Typische Anlaufstellen sind:

  • Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (KJP)
  • Sozialpädiatrische Kliniken (SPZ)
  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (meistens Psychologen mit Zusatzqualifikation) oder
  • Psychologischer Psychotherapeut

Ziel dieser Testung ist:
– eine Diagnose nach ICD-10 oder ICD-11, z. B. F81.0 (Lese-Rechtschreib-Störung)
– eine fachliche Grundlage für Anträge beim Jugendamt, z. B. für eine Förderung nach §35a

Wichtig zu wissen:
Diese Form der Diagnostik kann sehr hilfreich sein, ist aber nur dann notwendig, wenn eine offizielle Anerkennung gebraucht wird. Für schulische Förderung (in einigen Bundesländern) oder für den Beginn einer Lerntherapie ist sie nicht zwingend erforderlich. Wichtig: immer im Vorfeld mit dem Jugendamt abklären, welcher LRS Test anerkannt wird.

LRS Diagnostik an Schulen – zwischen Anspruch und Realität

Laut Verwaltungsvorschrift (VwV) des Landes Baden-Württemberg liegt die Verantwortung zur Feststellung eines besonderen Förderbedarfs klar bei der Schule. Die Diagnose ist pädagogisch, ein medizinisches oder externes Gutachten, um den besonderen Förderbedarf festzustellen ist nicht notwendig, es kann aber hinzugezogen werden.

In der Praxis zeigt sich jedoch zunehmend, dass Schulen diese Verantwortung auslagern, teilweise, weil Beratungslehrkräfte oder LRS-Beauftragte fehlen oder schulpsychologische Stellen überlastet sind. Das bedeutet für Eltern: Obwohl die Schule zuständig wäre, wird ihnen oft nahegelegt, extern eine medizinische Diagnose einzuholen. Dies ist jedoch nach der geltenden Verwaltungsvorschrift nicht erforderlich.

Diese Entwicklung sehe ich kritisch. Das Problem liegt in fehlenden innerschulischen personellen Ressourcen und solange wir mit Lehrermangel zu kämpfen haben, entwickelt sich die Situation leider in keine schülerfreundliche Richtung.

Wenn der LRS Test häufig nicht Klarheit bringt

Ich sehe in meiner lerntherapeutischen Praxis regelmäßig, wie durch scheinbar „schnelle“ Testungen manchmal falsche Schlüsse gezogen werden können.
Ein typisches Beispiel: Eltern stoßen bei ihrer online Suche auf einen kostenlosen LRS Test. Das Ergebnis wirkt eindeutig: „Ihr Kind hat eine LRS“. Was die Eltern nicht wussten: Einige dieser Tests schauen sich nur die Rechtschreibung an, nicht aber das Leseverständnis oder die Lesegeschwindigkeit. Das kann ggf. dazu führen, dass der eigentliche Förderschwerpunkt übersehen wird und wertvolle Zeit verloren geht.

Ein anderes Beispiel:
Ein Kind wurde in einer schulpsychologischen Beratungsstelle sehr differenziert getestet, inklusive IQ-Test. Doch das Jugendamt erkannte die Diagnose nicht an, weil sie nicht von einer medizinischen Fachstelle (z. B. einem Kinder- und Jugendpsychiater stammte.
→ Die Familie musste eine weitere Testung durchlaufen, mit zusätzlichem zeitlichem Aufwand, aber auch einer zusätzlichen emotionalen Belastung für das Kind.

Ein LRS-Test ist nur dann hilfreich, wenn er auch zum Ziel passt.
Und: Es braucht mehr als ein Testergebnis, nämlich eine ganzheitliche Einschätzung, die das Kind als Ganzes in den Blick nimmt.

„Diagnostik ohne Einbettung in Beobachtung und Gespräch verfehlt oft das Wesentliche.“ Dr. Günther Thomé

Blick in die Praxis: schulischer LRS Test in Klasse 5

In Baden-Württemberg ist der Lernstand 5 verpflichtend. Ergänzend steht den Schulen ein freiwilliger Rechtschreib-Check zur Verfügung; einige Schulen nutzen dafür auch andere Verfahren, z. B. die Hamburger Schreibprobe (HSP). Auf dieser Grundlage wird dann häufig festgestellt, das Kind habe Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, es wird einem LRS-Förderkurs zugewiesen und erhält einen Nachteilsausgleich.

Diese Verfahren sind pädagogisch sinnvoll gedacht und sollen Förderbedarfe früh sichtbar machen. Problematisch wird es jedoch, wenn aus schulischen Screening-Ergebnissen vorschnell von „LRS“ gesprochen wird und der Begriff dann doch unterschiedlich interpretiert wird.

Eine differenzierte Diagnostik, eine Ursachenklärung oder eine medizinische Abklärung (z. B. Hören und Sehen) findet dabei oft nicht statt. Dadurch bleibt unklar, wobei genau Unterstützung nötig ist und es besteht die Gefahr, dass Kinder über längere Zeit in allgemeinen Förderangeboten verbleiben, ohne dass ihre individuellen Lernvoraussetzungen wirklich berücksichtigt werden.

Weitere Abklärung, die ich bei einem Verdacht auf LRS empfehle

Ein LRS-Test zeigt zwar, dass ein Kind Schwierigkeiten hat – aber nicht immer, woher diese genau kommen.
Deshalb ist es wichtig, bei einem begründeten Verdacht auch andere mögliche Ursachen mitzudenken.

Welche zusätzlichen Abklärungen sinnvoll sein können – z. B. rund um Hören, Sehen, Sprache oder Aufmerksamkeit – erfährst du hier:
LRS-Diagnostik: Warum ein Test allein oft nicht reicht

LRS Test und LRS Diagnostik: Ganzheitliche Abklärung bei einem LRS-Verdacht
Ganzheitliche Abklärung bei einem LRS Verdacht

Entscheidungshilfe: Welche Anlaufstelle für welches Ziel?

Je nach Ziel der Diagnostik ist eine andere Fachstelle zuständig. Diese Übersicht hilft dir, den richtigen Weg zu finden.

Abklärung der Herausforderungen und schulische Unterstützung

Anlaufstellen:
– Beratungslehrer
– Schulpsychologische Beratungsstelle
– LRS-Beauftragte (am Schulamt)

Art der Diagnostik:
Pädagogisch-psychologisch orientiert

Kostenlos für Eltern

Antrag Jugendamt auf Eingliederungshilfe §35a SGB VIII

Anlaufstellen:
– Kinder- und Jugendpsychiater (KJP)
– Psychologische Psychotherapeuten

Art der Diagnostik:
Medizinische Diagnose nach ICD-10/ICD-11 inkl. Intelligenztest

Kosten: Diagnostik: Übernahme von der Krankenkasse, ggf. Gebühr für schriftlichen Bericht

Abklärung der Herausforderungen, Förderung starten

Anlaufstellen:
Lerntherapeuten, Legasthenietherapeuten

Art der Diagnostik:
Pädagogische und förderorientierte Diagnostik mit dem Ziel, wo kann eine Förderung ansetzen

Kosten: In der Regel privat (Ausnahme: evtl. Kostenübernahme durch Jugendamt, bei Bewilligung Lerntherapie)

LRS Test ist nicht gleich LRS Test – finde die passende Unterstützung für dein Kind

LRS Test ist nicht gleich LRS Test. Je nachdem, welches Ziel du verfolgst, gibt es unterschiedliche Wege und Anlaufstellen.

Wichtig ist:
Lass dich nicht von einem schnellen Testergebnis täuschen. Nur wenn klar ist, was genau getestet wurde, kannst du passende Schritte ableiten.
Bevor du eine neue Testung machst, sammle alle bisherigen Ergebnisse und sprich offen mit Fachpersonen darüber, wofür du den LRS Test benötigst.
So vermeidest du unnötige Doppeltestungen und kannst deinem Kind gezielt helfen.

Wenn du dir unsicher bist, welche Form der Diagnostik in deinem Fall sinnvoll ist, darfst du dir Unterstützung holen. Du musst den Weg nicht allein gehen.

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LRS Test und Angebote in der Lerntherapie

2 Comments

  • Danke für diesen interessanten Artikel.

    Meine Enkelin wurde inzwischen bereits zweimal getestet. Am Ende hieß es jedoch beide Male, dass der Test nicht eindeutig gewesen sei und man ihn im nächsten Jahr wiederholen müsse, weil sie mit ihren acht Jahren noch zu jung sei.

    Das Problem ist, dass sie sich inzwischen in der Schule sehr schwertut – auch deshalb, weil ihre Lehrerin nicht wirklich auf ihre Bedürfnisse eingeht.

    Ich komme zwar aus Österreich, aber dein Artikel hat mir trotzdem sehr weitergeholfen. Vielen Dank dafür!

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