Was sind Ursachen einer Dyskalkulie ? Wer trägt eigentlich die „Schuld“, wenn mein Kind in Mathe überhaupt nicht klar kommt? Liegt es vielleicht daran, dass ich als Mutter damals auch schon so schlecht in Mathe war? Haben wir Eltern mit unserem Kind in der Grundschule zu wenig geübt? Oder liegt es vielleicht an der Lehrkraft, die total unsensibel ist und auch selbst sagt, ich unterrichte lieber Deutsch?

Diese Fragen stellen mir immer wieder Eltern in meinen Beratungsgesprächen. Einige sind völlig verzweifelt und suchen die Schuld bei sich selbst. Denn irgendwas muss ja schief gelaufen sein, sonst könnte das Kind jetzt gut rechnen und hätte Freude am Mathematik.

Eins vorweg:

Niemand ist schuld an der Rechenschwäche (d)eines Kindes

Ich finde das sehr wichtig, denn eine Schulzuweisung bringt keinem etwas.  Leider sind manche Eltern so verzweifelt, dass sie erstmal die Schuld bei sich suchen. Eine Rechenschwäche entsteht nicht, weil das Kind zu wenig lernt oder Eltern zu wenig Unterstützung bieten.

Die Ursachen einer Dyskalkulie sind sehr vielfältig, man spricht von einem sogenannten Ursachenbündel. Vieles ist aber auch noch unerforscht. Bisherige Ergebnisse in Genetik-Studien, wo die Rechenleistung von Zwillingen oder Geschwistern verglichen wurde, zeigen eine deutliche Erblichkeit der Dyskalkulie.

Aber welche Gründe die Rechenschwäche eines Kindes auch immer hat, das übergeordnete Ziel sollte immer sein, gemeinsam mit der Schule, den Eltern und dem Kind Lösungen zu finden, um das Kind bestmöglich beim Rechnen lernen zu unterstützen. Es ist wichtig den Blick nach vorne zu richten. Das ist viel wichtiger als eine Schuldzuweisung. Weitere Tipps zur Förderung und zum Üben daheim findest du auch in meinem Elternratgeber Dyskalkulie (kostenloser Download)

Rechenschwäche – ein unvermeidbares Schicksal?

Die Rechenstörung, auch Dyskalkulie genannt, ist in der ICD-10 (Klassifikation internationaler Krankheiten) unter F81.2 klassifiziert  und gehört zu den umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten. Sie umfasst eine „Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung  (Intelligenzquotient -IQ- nicht unter 70) oder eine unangemessene Beschulung (z.B. lange Fehlzeiten des Kindes) erklärbar ist. Die Schwierigkeiten liegen vor allem in der Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten.

Jungen und Mädchen sind gleich häufig betroffen. Man geht davon aus, dass in jeder Schulklasse ca. 1-2 Kinder eine Dyskalkulie haben.

Ob ein Risikofaktor das Kind beeinflusst und zu den Rechenschwierigkeiten beiträgt bzw. als einer der Ursachen der Dyskalkulie zu sehen ist, hängt u.a. auch von der Vulnerabilität (Verletzbarkeit) eines Kindes ab. Das bedeutet, dass das Kind bzw. der Schüler manchmal besonders empfindlich gegenüber äußeren Bedingungen ist. In bestimmten Lebensphasen, insbesondere bei Übergangsphasen wie vom Kindergarten in die Schule oder der Wechsel auf die weiterführende Schule – aber auch in der Pubertät – müssen sehr bedeutsame Entwicklungsanforderungen gemeistert werden. Genau in diesen Phasen kann das Kind verletzlicher gegenüber psychischen Störungen aber auch Entwicklungsstörungen sein.

Warum man besser von Risikofaktoren  und weniger von Ursachen sprechen sollte

Wenn man die Fachliteratur betrachtet, dann wird sehr schnell klar, dass es unterschiedliche Sichtweisen und mögliche Ursachen einer Dyskalkulie gibt. Einige Experten sprechen nicht von Ursachen, sondern wählen ganz bewusst den Begriff Risikofaktor. Dabei können verschiedene Risikofaktoren in einer Wechselwirkung zueinander stehen und eine Rechenschwäche bzw. Dyskalkulie verursachen.  Diese Risikofaktoren lassen sich in drei übergeordnete Bereiche einteilen:

  • psychisch/emotional/sozial
  • organisch-neurologisch und
  • schulisch-didaktisch

Noch transparenter wird es, wenn wir diese Faktoren in folgende Bereiche einordnen

  • Schule
  • Kind
  • Familie

„Es ist davon auszugehen, dass Kinder mit Dyskalkulie eine sehr heterogene Gruppe bilden“
Jacobs/Petermann, 2007

Frau Dr. Küspert (meine Dozentin an der Uni Chemnitz) spricht von einem Ursachengeflecht und dass dieses bei jedem Kind ganz unterschiedlich zusammengesetzt ist.
Die folgende Übersicht fasst die verschiedenen Faktoren, die zu einer Dyskalkulie beitragen können, zusammen. Man sieht so ganz deutlich, dass es nicht nur eine Ursache für eine Dyskalkulie gibt, sondern ein multikausales Ursachenmodell anzunehmen ist.

Risiko-Faktoren, die vom Kind ausgehen 

Neurologisch-organische Faktoren

  • Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen (Sauerstoffmangel, Frühgeburt) und vor der Geburt (pränatal) erworbene Ursachen (Alkohol- Nikotin- Drogenmissbrauch)
  • Erbanlagen
  • Defizite in der Wahrnehmung
  • Entwicklungsstörungen der Motorik und Sensomotorik
  • Aufmerksamkeitsstörungen
  • Epilepsie

Psychische Faktoren

  • Motivation
  • Arbeitsverhalten
  • Selbstwertgefühl
  • eigene negative Überzeugungen

Schulische Risiko-Faktoren

  • häufiger Lehrerwechsel
  • damit verbunden: ständiger Methodenwechsel
  • Unterricht von Lehrkräften, die fachfremd Mathe unterrichten
  • kein individuelles pädagogisches Ermessen (u.a. kein Nachteilsausgleich=
  • inadäquater Umgang mit Fehlern
  • fehlende Lernstandsanalyse und damit nicht am Kind orientierter Unterricht
  • angespannte Lehrer-Kind-Interaktion
  • zu große Klassen
  • wenig Wertschätzung/Verbote

Familiäre Risiko-Faktoren

  • familiäre Belastungen (Trennung der Eltern)
  • mangelnde Frühförderung
  • ungünstige Wohnverhältnisse (fehlender Platz für Hausaufgaben)

Neben den Risikofaktoren können auch sogenannte Resilienzfaktoren, die  das Ausmaß der Rechenschwierigkeiten bestimmen und positiv beeinflussen könnten. Unter Resilienz bezeichnet man die Widerstandsfähigkeit einer Person und die Fähigkeit, sich von negativen Erlebnissen schnell wieder zu erholen.

Mehrere Faktoren können eine Rechenschwäche verursachen

Wie Eltern und Schule unterstützen können

Die Schule ist nicht die «Stunde Null» des Rechenerwerbs. Schon vor der Einschulung verfügen die Kinder über ein gewisses Mengen- und Zahlenwissen. Eine frühe Förderung in diesem Bereich wirkt sich daher positiv auf den weiteren mathematischen Wissensaufbau aus (gut ausgebildete Erzieher spielen hier eine große Rolle).

Auch ist dem Elternhaus eine Bedeutung zuzuschreiben, denn mit positiver Bestätigung, einer ansprechenden Lernumgebung (z.B. fester Arbeitsplatz für Hausaufgaben) und einem Verständnis für die mathematischen Lernschwierigkeiten wird das Kind so unterstützt, dass es entspannt lernen kann. Wenn sich Kinder in ihrem Tempo und ohne Druck Wissen aneignen können, kommen sie besser mit den Rechenschwierigkeiten zurecht. Eine entwicklungsfördernde Erziehung und auf Verständnis basierende Beziehung kann dazu beitragen, dass das Kind mehr Vertrauen in seine eigenen Leistungen entwickelt und mit Misserfolgen besser umgehen kann. Eltern sollten auf jeden Fall viel Geduld mitbringen und ihren Kindern positive Rückmeldungen geben.

Auch der schulische Umgang spielt eine große Rolle, je besser Lehrkräfte zum Thema Dyskalkulie informiert sind, sensibel in der Klasse mit dem Thema umgehen und ihren pädagogischen Ermessensspielraum ausschöpfen, desto stärker profitieren die Schüler davon. Auch sollte der individuelle Lernfortschritt in den Fokus gestellt werden, denn nicht jedes Kind läuft im Gleichschritt. Das eine Kind eine braucht länger, wohingegen andere Schüler etwas schneller sein können. Warum multiprofessionelle Teams an Schulen eine große Unterstützung sind, erfährst du hier.

Schüler können mit ihren Rechenschwierigkeiten besser umgehen, wenn sie Rahmenbedingungen vorfinden, die sie emotional stärken und sie eine Unterstützung bekommen, wie sie mit der Dyskalkulie besser umgehen können. Dazu können wir alle beitragen, das Elternhaus, die Erzieher und die Schule.

So kannst du Kinder mit einer Dyskalkulie unterstützen

Fangen wir am besten heute damit an ein größeres Bewusstsein für Kinder und Jugendliche mit einer Rechenschwäche zu entwickeln. Je besser wir über die Ursachen einer Dyskalkulie bzw. deren Risikofaktoren informiert sind und fundiertes Hintergrundwissen haben, desto stärker können wir diese Schüler unterstützen.

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Quellen:

Petermann, F., & Jacobs, C. (2005). Diagnostik von Rechenstörungen
Gaidoschik, M. (2010): Rechenschwäche – Dyskalkulie
Küspert (2017). Wie Kinder bessern rechnen lernen: Neue Strategien gegen Dyskalkulie

 

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