Wandern quer durch Bayern, um auf die Herausforderungen von Schülern mit Dyskaklulie aufmerksam zu machen. n diesem Blogbeitrag nehme dich ein Stück mit, welchen Weg ich von der spontanen Idee bis hin zur Wanderung in Bayern gegangen bin. In diesem Fall sogar wortwörtlich:-).

Viele haben die letzten Tage die 370 km Wanderung Aschaffenburg nach München von Susanne Kraut auf Instagram oder im Live Blog des Main Echos verfolgt. Sie ist Lerntherapeutin und möchte mit ihrer Wanderung auf die  Herausforderungen von Schülern mit einer Dyskalkulie aufmerksam machen. Außerdem möchtet sie auf die Petition Chancengleicheit, jetzt!“ aufmerksam machen (von den Jungen Aktiven im Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie).

Susanne ist jeden Tag um die 25-30 km. Eine irre Leistung. Die letzten Kilomater war ich dabei.

21. Juli 2022 spontane Kontaktaufnahme mit Susanne Kraut

Als mich der Newsletter des Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) erreicht, bin ich total begeistert von der Aktion von Susanne Kraut. Wenige Tage später telefonieren wir und ich schmiede Pläne, wie ich sie mit Start unserer Sommerferien ab dem 28.7. begleiten kann. Vorher ist einfach noch unheimlich viel zu tun, der übliche Schuljahresendspurt als Lehrkraft und Lerntherapeutin. Auch die Verabschiedung meiner Tochter aus der Grundschule und meine eigener Schulwechsel halten mich auf Trapp und mein Engagement Lerntherapie in Schule zu etablieren.

28.7.2022 Endlich Ferien, Kind krank, was nun?

Endlich Ferien, endlich liegen 6 lange Wochen voller Sommer, Sonne, Baden, Erholung und ganz viel Zeit für die Familie vor uns. Was mache ich? Ich plane, ab welchem Ort ich mit Susanne Kraut mitwandern werde, welche Dinge ich dafür benötige, was ich mache, wenn ich keine 30 km Tagespensum schaffe und wen ich im Raum München kenne, den ich unbedingt mal wieder treffen sollte. Ich bin voller Vorfreude und hatte vor direkt am ersten Ferientag nach Bayern zu fahren, da erwischt es meine Tochter eiskalt mit Fieber. Sie liegt auf einmal flach, es geht ihr gar nicht gut. Soll ich alles absagen? Ich hatte mich doch schon so gefreut. Ich warte erstmal ab.

Tatsächlich geht es meiner Tochter die nächsten Tage immer besser, aber sie war froh, dass ich noch ein wenig Zeit für sie hatte.

Jetzt ist es wirklich bald soweit – auf nach Pfaffenhofen

Sonntag, 31.7.2022: 350 km mit dem Auto nach Pfaffenhofen an der Ilm

Da sitze ich tatsächlich im Auto und fahre in eine mir unbekannte Stadt, noch nicht klar, wo ich übernachten werde, zu Susanne Kraut, die ich bis dato erst von 2 kürzeren Telefonaten kenne. Kollegen aus der Schule fanden die Idee vollkommen verrückt. Ruhe dich doch lieber aus und genieße deine Ferien, das ist ja der Wahnsinn, dass du in Bayern wandern gehst.

Hm, soll ich doch lieber daheim bleiben?

Draußen sind 30 Grad und wandern ist da sicherlich kein Spaß. Aber nein, zu Hause bleiben ist keine Lösung. Ich freue mich riesig auf das Abenteuer, auf die Begegnungen, die Gespräche und das Ungewisse. Für mich ist das ein so wichtiges Thema, denn Dyskalkulie wird im Vergleich zur Legasthenie immer noch viel zu stiefmütterlich behandelt. Ich weiß, wovon ich rede, als Mutter einer Tochter mit Dyskalkulie haben wir alle Höhen und Tiefen durchlebt.

15.30 Uhr: Kurz vor dem Ziel, doch wieder umkehren?

Kurz vor meinem Ziel bekomme ich eine Audionachricht von Susanne. Sie teilt mir mit, dass sie heute Abend zum Essen eingeladen sei und auch schon eine kostenlose Übernachtungseinladung erhalten hätte. Vielleicht würden wir uns später gegen Abend treffen.

Ich muss erstmal kurz durchatmen:-) Susanne und ich hatten gestern noch vereinbart, uns gemeinsam irgendwo ein kleines Zimmer zu nehmen und den Abend auch gemeinsam zu verbringen. Schließlich war ich total neugierig, wie ihre Wanderung bis jetzt gelaufen ist.

Da Susanne aber gerade in Pfaffenhofen eingetroffen war und ich nur noch 10 Minuten hatte, trafen wir uns spontan in der Stadtmitte in der Nähe der Kirche, um ein Eis zu essen und dann alles weitere zu planen.

Spontan setzen wir uns zu zwei älteren Damen in einem Eiscafé. Beide sind total neugierig, welches Ziel diese Wanderung hat und warum wir uns für Schüler mit einer Dyskalkulie einsetzen. Eigentlich wollten die beiden Damen gerade zahlen, aber sie waren so interessiert und wollen die Petition Dyskalkulie ebenfalls unterzeichnen, dass wir 45 Minuten später immer noch im Gespräch waren.

Rückblick Tag 1: Angekommen in Pfaffenhofen, am Kloster Scheyern gewesen und spontan eine Übernachtungsmöglichkeit angeboten bekommen

Zwischendurch rief Hans an und teilte Susanne mit, dass er auch gerne für die andere Susanne eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit hätte. Ich bin total dankbar, auch eine Einladung zum Essen erwartet uns. Der helle Wahnsinn. Da trifft Susanne am Vormittag jemanden auf ihrer Wanderung und bekommt eine Welle der Unterstützung. Unglaublich. Manchmal fügt sich doch alles perfekt zusammen, auch wenn es eine Stunde vorher noch ganz anders aussah:-) Ich glaube, wenn man so eine Wanderung plant oder plant mitzulaufen, muss man sich einfach darauf einlassen und darauf vertrauen, dass am Ende des Tages alles zusammenfügt.

19 Uhr am Kloster Scheyern

Den Abend verbringen wir mit Hans am Kloster Scheyern. Direkt ums Eck ist ein toller Biergarten und wir genießen das leckere Essen. Nach einer kurzen Klosterbesichtigung, geht es über viele Schleichwege nach Göbelsbach. Das Pfarrdorf mit 92 Einwohnern erhielt 1998 beim Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ die Goldmedaille. Kurz bevor wir ankamen, konnten wir noch einen tollen Sonnenuntergang genießen.

Susanne und Susanne am Kloster Scheyern

Den Abend lassen wir gemütlich mit einem Glas Wein und Kuchen ausklingen. Ich kann das irgendwie gar nicht glauben, alleine schon dieser Tag war voller Erlebnisse und tollen Begegnungen, wie es wohl die nächsten Tage weitergehen mag? Mit Susanne teile ich mir spontan das Zimmer und ziemlich schnell schlafen wir beide mitten im Niemansland ein.

Montag, 1.8.2022: Frühstück unter der Eiche

Der Tag beginnt  gemütlich unter der Eiche mit einem tollen Frühstück und Hans gibt uns noch ein kleines Tuba-Konzert. Danke für deine Gastfreundschaft lieber Hans! Gegen 9 Uhr fahren wir los, um wieder zum Endpunkt der letzten Wanderetappe von Susanne zu kommen und um 10 Uhr im Rathaus auf die Petition Dyskalkulie hinzuweisen und ins Gespräch zu kommen.

Nach und nach bekommen wir weitere Unterstützung, von Petra Wildgruber und Heike Schindelmann, beide sind vom Landesverband Bayern. Später kommt noch Elfriede, eine Freundin von Susanne. Genial, dass wir hier in Pfaffenhofen so eine große Truppe sind.

10.30 Uhr: Stadtverwaltung in Pfaffenhofen

Im Rathaus verweist man uns auf die Stadtverwaltung, die gleich ums Eck sei und wir bekommen einen Termin bei Florian Erdle samt Fototermin.

Stadtverwaltung Pfaffenhofen mit Heike, Elfriede, Susanne, ich, Petra und Florian Erdle (berufsmäßiger Stadtrat und Rechtsdirektor)

Den Stadtrat treffen wir leider nicht persönlich an, da er einen außer Haus Termin hat und grundsätzlich ohne Termin nichts möglich ist.

11.00 Uhr: Wandern bei 30 Grad ohne Schatten

Gegen 11 Uhr bei 30 Grad im Schatten laufen wir los, allerdings in der prallen Sonne an einer Bundesstraße entlang. Susanne gibt Gas, sie ist es gewohnt, schnell zu laufen, so laufen Elfriede und Susanne vor und Heike und ich hinterher. Ganz tolle Gespräche entstehen und obwohl ich Heike nicht kenne, kennt sie meinen Elternratgeber, den sie Korrektur gelesen hat:-) die Welt ist doch klein.

Zwischendurch machen wir eine winzige Pause und erreichen in Windeseile Reichertshausen, die Etappe, die Heike und ich mitlaufen wollen. Wir sind beide keine geübten Wanderer und ich möchte es an Tag 1 nicht übertreiben, da ich morgen noch eine Strecke mitlaufen möchte.

Heike und ich in Pfaffenhofen mit Albert Gürtner im Gespräch

Wieder in Pfaffenhofen sind wir ziemlich k.o. dabei waren es nur 10 km, aber die Hitze ist echt der Wahnsinn. Ich ziehe mich bei Hitze zurück und gehe normalerweise nicht wandern. Nach einer kleinen Stärkung, hat Heike spontan die Idee es nochmal im Landratsamt zu versuchen und dort den Landrat auf die Situation von Schülern mit Dyskalkulie hinzuweisen. Mit viel Geduld, Überzeugungsarbeit (ja, wir haben Zeit und warten sehr gerne auf den Landrat), noch mehr Warten und ein bisschen Gelassenheit kommen wir tatsächlich mit Albert Gürtner ins Gespräch. Beharrlichkeit zahlt sich manchmal eben doch aus.

Rückblick auf Tag 2: Frühstück unter der Eiche mit Tuba Konzert, Besuch in der Stadtverwaltung und beim Landrat, Wanderung mit netter Begleitung

17.00 Uhr:  In Pasing bei meiner Freundin Tanja

Danach trennen sich die Wege von Heike und mir, sie fährt nach Hause (wie gut, dass sie aus der Nähe kommt) und ich laufe zurück zu meinem Auto (noch ein weiterer Kilometer und ich spüre meine Beine). Am Abend bin ich mit meiner Freundin Tanja verabredet, die in Pasing wohnt und die ich aus meinen Berliner Zeiten kenne. An diesem Tag laufe ich keinen Schritt mehr:-) bin aber dankbar über diese Erfahrungen in den letzten Stunden und die vielen Gespräche, die sich manchmal auch sehr spontan ergeben haben.

Dienstag, 2. August: Auf zum Kultusministerium

Am nächsten Morgen kommt spontan noch Barbara, Lerntherapeutin aus München zur Wanderung hinzu, in Unterschleißheim treffe ich wieder auf Susanne, die ihre Tochter mitgebracht hat. Zur viert geht es ein Stück Richtung München. Da Susanne aber noch einen Termin mit Tanja Scherle, der Bundesvorsitzenden vom BVL in München hat, um sich für den Termin im Kultusministerium abzusprechen, fährt sie mit ihrer Tochter mit dem Zug weiter zum Marienplatz und ich laufe mit Barbara weitere 12 km.

von links: Susanne, ihre Tochter, Barbara und ich

10 Uhr Schloss Lustheim und Schloss Schleissheim

Über Schloss Lustheim und Schloss Schleißheim geht es im Schatten und durch Wälder immer weiter Richtung München. Nach ca. 2 Stunden erreichen wir Feldmoching, wo wir kurz vor 12 in den Zug Richtung Marienplatz fahren. Barbara kenne ich aus unser gemeinsamen Ausbildungszeit bei Wege für Kinder, außerdem ist sie Mitglied in meinem Lerntherapeuten Netzwerk und es ist super schön, sie endlich wieder mal persönlich zu sehen.

12 Uhr München Marienplatz

In München angekommen, treffen wir wieder Susanne, ihre Tochter, Heike, Tanja und ihren Mann. Nach und nach kommen mehr, die mit zum Kultusministerium kommen möchten und die Daumen für die Gespräche vor Ort drücken.

Während wir auf die Kutsche warten, erwartet uns eine Pracht an Blumen und lauter Musik. Völlig unerwartet ist an diesem Tag auch der Gärtnerjahrtag . Wir stehen mittendrin und sind total begeistert von der Blumenpracht, der Musik und der tollen Stimmung.

Kurz darauf kommt endlich die Kutsche, um Susanne und Tanja zum Kultusministerium zu bringen. Werden die Gespräche erfolgreich sein? Hat sich der lange Weg hierher gelohnt?

Während Susanne mit zwei Vertretern vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie im Gespräch ist, warten wir anderen in einem Cafeums Eck.

Los geht’s zum Kultusministerium – mit der Kutsche

14:00 Uhr: Gespräche im Kultusministerium in München

Als wir sie nach über einer Stunde wieder zu uns stoßen, wirken alle 3 sichbar enttäuscht. Die Vertreter der Politiker – der Minister und seine Staatssekretärin waren nicht vor Ort beim Gesprächstermin. „Sie haben unser Anliegen zur Kenntnis genommen und abgenickt“, sagte Susanne nach dem Treffen.  Man würde schon genug machen.  Susanne gibt jedoch nicht auf und schon im Cafe danach werden weitere Pläne geschmiedet und nach Ideen gesucht, wie Schüler mit einer Dyskalkulie endlich die Unterstützung  bekommen, die sie benötigen und worauf sie ein Recht haben – in Bayern und deutschlandweit.

Ich kann inzwischen kaum noch laufen, meine Füße schmerzen und es ist total warm. Sehr Langsam laufe ich zur S-Bahn zurück und fahre wieder zurück nach Pasing.

Ein toller und ereignisreicher Tag geht zuende.

Was ich an dem Tag nicht wusste: Ich laufe tatsächlich nächsten Tag nochmal über 10 km, als ich spontan mit meiner Freundin Tanja Schloss Nymphenburg besichtige. Wir treffen einen Bekannten, der gerade eine Führung durch den Schlosspark anbietet und so laufen wir mit und ich berichte von der Wanderung und der Petition Dyskalkulie. Tatsächlich kennt einer der Teilnehmer jemanden mit Dyskalkulie und ist dankbar über die Informationen.

Das habe ich erreicht und so geht’s weiter

  • fast 40 km gewandert
  • schmerzendes Knie 🙂
  • ein Lächeln im Gesicht
  • viele tolle Begegnungen und Gespräche geführt
  • Anfragen aus Baden-Württemberg bekommen, die ich nach und nach beantworten werde
  • motiviert weiterzumachen
  • weitere Projekte in die Wege zu leiten, um Schülern Mathe erfahrbar zu machen (Online Kurs vom Zählen zum Ziel)

Hier ist der Link zur Petition. Teile ihn doch gerne an Freunde, Bekannte oder Kollegen.

Zum Thema Dyskalkulie haben Jeannine Hohmann und ich auch eine Podcastfolge aufgenommen, höre doch gerne mal rein.

Und wenn du wissen möchtest, wie meine Arbeit als Lerntherapeutin und Lehrkraft an einer Grundschule aussieht, dann abonniere gerne meinen Newsletter und verpasse keine Tipps rund ums Lernen mehr.

Ja, ich freue mich drauf

 

 

2 Comments

  • Vielen lieben Dank für diesen tollen Einblick und deinen Einsatz, Susanne! Jetzt erhole dich mal gut und genieße deine Ferien 😊☀️

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.